Kanada, USA, Flüsse, Wälder und Indian Summer

11.09.99 - 02.10.99

 Ein Reisebericht von Wolfgang Müller, Nittendorf

 

Samstag, 11.09.99

 

 Der IC 532 „Regensburger Domspatzen“ rollt am Frankfurter Flughafen aus. Die Scheeer`s und wir schnappen unsere Koffer und Taschen und drängeln zum Ausgang.

Der Tag begann heute schon um 06.00 Uhr. In der Morgendämmerung packen wir die restlichen Sachen in unsere Koffer und Taschen, wecken Johannes, trinken noch ein Tässchen Kaffee und starten in einen sonnigen Morgen.

Johannes lädt unsere Koffer ab, hilft sie, zum Bahnsteig zu tragen und verabschiedet sich schließlich.

Pünktlich rollt um 08.29 Uhr der Zug ein. Wir klettern zunächst in den falschen Wagen, am Platz 32 sitzt ein bärtiger Sachse, den ich höflich frage, wie das System hier funktioniert. Der hat offensichtlich heute noch nicht ausgeschlafen und reagiert äußerst pampig auf meine Fragen wie man hier die richtige Reservierung herausbekommt.. Also zwei Wagen weiter mit dem ganzen Gepäck, der Zug rollt schon!

Wir gleiten vorbei an Undorf, Laaber, Parsberg, Deining, Neumarkt im Sonnenschein, auf Höhe Mausheim eine schöne Wiese mit Hexenringen. Hier sollte ich mal nach Champignons Ausschau halten!

In Nürnberg steigen Scheers, begleitet von Jannie ein, ein kurzes Hallo an Jan und schon fährt der Zug weiter über Würzburg, Aschaffenburg und Frankfurt`, mit seinem Jugendstilbahnhofshalle,  zum Flughafen.

Auf Ebene C, am Schalter von Air Transat, eine lange Warteschlange. Ich laufe los, während Scheers und Gabi am Check- In warten, um mir einen Handyshop zu suchen, da Johannes von Handys erzählt hat, die keine Grundgebühr kosten, und deren Chipkarte man nach Bedarf gegen Bezahlung aufladen kann (allerdings kostet dann der Minutenpreis DM 2.--!).

Im Laden wird mir erklärt, dass es sowas zwar gibt, dies in Kanada aber nicht funktioniert. (anderes Netz!). Also nix mit der schönen weiten Welt der Telekommunikation!

Auf dem Rückweg kaufe ich Gabi noch ein Taschenbuch (Frank Mc Court: „Die Asche meiner Mutter“), als ich zurückkomme, sind die Scheers und Gabi schon kurz vor dem Schalter.

 Als Günter mich fragt, was ich besorgt habe, antworte ich wahrheitsgemäß, was dieser, wie ich später erfuhr, etwas merkwürdig findet, da ich vergaß, ihm zu sagen, dass es sich um ein Taschenbuch handelte. Er nahm wohl an, ich hätte einen poetischen Schlaganfall erlitten, behielt dies aber höflicherweise für sich!

Wir warten noch eine Stunde, kaufen an einem Imbissstand noch eine sündhaft teure Würstchensemmel mit Senf und eine Büchse Cola (12,50 DM, x 2 = 25 DM). Zu guter Letzt drückt die Gabi die Semmel wohl etwas fest, so dass die Wurst nach hinten aus der Semmel schießt und mitsamt einem dicken Senfbatzen auf ihrem T-Shirt landet.

Um 14.50 startet mit einer Verspätung von 35 Minuten unsere Maschine, eine, bereits in die Jahre gekommene TRISTAR, mit, über dem Rumpf montiertem Hecktriebwerk.

Auf nach Kanada!

Über den Wolken gleiten wir in den Nachmittag hinein. Vor uns ein Ehepaar, so in unserem Alter, mit einem, schätzungsweise bereits 20 Jahre alten Sohn und einer blondlockigen, süßen, zweijährigen Tochter, die über die Sitzlehne mit Gabi schäkert. Im Flur wuselt ein ebenfalls zweijähriger dunkelhäutiger Junge indischer Abstammung mit großen Augen und abstehenden Ohren und verschämt- lächelnden Annäherungsversuchen, im Gang herum.

Ansonsten vergraben wir während des Flugs unsere Nasen in mitgebrachten Zeitschriften.

Ein Wermutstropfen ist meine schmerzende Hals- und Schultermuskulatur: Offensichtlich hat sich an der Halswirbelsäule ein Nerv eingeklemmt! Ich habe allerdings Medikamente dabei!

 

Zwischenlandung in Montreal nach 7 ½ Stunden Flug, das Flugzeug leert sich halb. Irgendwie scheint die Isolierung nach außen nicht so ganz dicht zu sein, da von den Gepäckkonsolen Kondenswasser tropft, so dass die Leute in den Fensterbankreihen überall Taschentücher und Kopfkissen an die tropfenden Stellen halten.

Nach einer ¾ Stunde Aufenthalt fliegen wir weiter und landen nach 20 Minuten Flug schließlich in Toronto. Es ist jetzt 18.30 Uhr Ortszeit, zuhause ist jetzt Geisterstunde!

 

Am Stand der Fa. HERTZ Autovermietung die notwendigen Formalitäten, bis wir draußen unseren Mini-Van, einen geräumigen, silbergrauen Ford- Siebensitzer- Automatik, mit 5 Türen, Klimaanlage und getönten Scheiben, entgegennehmen können.

Hinein in den geschäftigen Abendverkehr auf der 6- spurigen A 410 Richtung Westen, bis Günter, der Copilot, nach 20 Minuten merkt, dass wir in die falsche Richtung fahren.

Also wieder Umkehren und in der  Abenddämmerung nach Downtown Toronto.

Nach 45 Minuten Abfahrt über die Morningside Avenue zur Kingston Road.

Ich habe von Zuhause aus über das INTERNET schon ein Motel dort ausgemacht, das A Lido Motel und telefonisch dort zwei Zimmer bestellt.

Als wir dieses nach längerer Hin- und Herfahrerei schließlich finden, erklärt uns eine fast zahnlose Alte an der Rezeption, die Zimmer wären schon vergeben, wir hätten schon um 18.00 Uhr da sein sollen! Auf meinen Einwand hin, ich hätte schon beim Telefongespräch gesagt, daß wir erst um ca. 20.00 Uhr eintreffen können, zuckt sie nur die Schultern: No Vacancy! Allerdings macht das Motel von außen einen ziemlich vergammelten Eindruck, so dass wir nicht allzu ärgerlich sind.

Die gleiche Antwort erhalten wir noch Dreimal die Straße in Toronto-Scarborough hinunter, bis wir schließlich im Maple Leaf- Motel für 79 Dollar/Nacht brauchbare Zimmer bekommen.

Ein kurzer Abendbummel, die Straße hinunter, führt und zu einer Takeaway- Pizzeria, wo wir für 3,25 kanadische Dollar (ca. 5 DM) ein großes Pizza- Dreieck, eine Büchse Cola und eine Tüte Tacos erstehen, die wir im Motelzimmer verdrücken. Meine Schulter schmerzt nun ziemlich stark, so dass ich mir das mitgebrachte Heizkissen einschalte.

 

Sonntag,12.09.99

 

Um 09.00 Uhr starten wir Richtung Innenstadt Toronto auf der Kingston Road entlang, vorbei an typisch ameriko- kanadischen Einfamilienhäusern am Straßenrand: kleines Häuschen mit nicht umzäunten, sauber gemähtem Handtuchrasen vor dem Eingang, der gesäumt ist von zwei Bäumen!

Unter der Skyline parken wir auf einem bewachten Parkplatz, lösen mit Scheckkarte die Parkzeit und laufen los.

Wolkenkratzer- Glaspaläste ragen in den sonnigen Morgenhimmel. An einer Backsteinhalle, in der gerade der allsonntägliche Trödelmarkt stattfindet, bleiben wir stehen und gehen hinein.

Drinnen sind überall die Tische der Trödler aufgebaut, links neben dem Eingang in der Halle eine Snackbar mit einigen Tischen davor.

Wir beschließen, hier zu frühstücken, bestellen Schinken mit Ei und Bratkartoffeln, (Günter  mit Grillwürstchen) und Amerikanerkaffee (d.h.: malzkaffeähnlich, verdünnter Geschmack).

Anschließend bummeln wir durch die Auslagen, das Angebot ähnlich, wie auf allen Trödelmärkten, nur amerikanisch- kanadisch eingefärbt.

Weiter, Richtung Innenstadt. Ein eigentümlicher, roter, schmaler, sich nach hinten verbreiternder, viktorianischer Backsteinbau,  mit schwarzgestrichenen, eisernen Feuerwehrtreppen an der Seite und  surreal bemalter Rückfassade, bildet den Eingang in die Glastürme der Skyscraper. Alte Bauten des letzten Jahrhunderts spiegeln sich in den Glasfassaden, die in den wolkenlosen Himmel ragen. Die sonntägliche Stadt strahlt eine gemäßigt- geschäftliche Ruhe aus, etliche Geschäfte und Restaurants haben geöffnet, entlang der Young- Street die Edelboutiquen, Richtung Spadina- Street eher kleine Sammelsuriumsläden, in denen von Cola bis zu Jeans allen Mögliche verkauft wird.

In der Spadina auch das Easton- Centre: eine dreistöckig glasüberdachte Flaniermeile mit zahllosen Ladengeschäften. An einem Stand kaufe ich ein Massagegerät für meine Schulter, in einem Schuhgeschäft die englische Marke „Clarks“, hier deutlich günstiger wie zuhause.

Unter der Glaskuppel schweben Gänse aus Metall.

Jedes Stadtviertel hat seine eigene Prägung und Publikum, was sich schon um die nächste Straßenecke abrupt ändern kann: Im oberen Teil der Spadina- Street z.B. vorwiegend Chinesen, fast keine Weißen mehr: Wir befinden uns in Chinatown.

Um uns herum wimmelt es von geschäftig umher eilenden Asiaten, die Geschäfte quellen mit ihren Auslagen auf den Gehsteig, aus den Läden wehen exotische Düfte, ein Gemisch aus Trockenfisch, Gewürzen, Tee.

Es gibt alles zu kaufen, was die chinesische Küche zu bieten hat: Säcke mit getrockneten Pilzen, Bohnen, Ingwer, Ginseng, Schwalbennester, getrocknete Seepferdchen, Muscheln, gedörrte Flughunde und zahllose unbekannte Dinge, manchmal vielleicht gut, dass wir nicht wissen, was das gerade ist..

An Ständen mit Obst und Gemüse: Chinakohl, Pak Choi, Leeches,Drachenfrucht, frischer Ingwer, zwischen Äpfeln, Birnen und kalifornischen Pflaumen.

In einer China- Apotheke erstehe ich Ultra- Balm gegen meine schmerzende Schulter und Tiger- Balm, ein duftendes Allheilmittel in kleinen Döschen.

In einem Teeladen kaufen wir grünen, chinesischen Tee, das Pfund für 40 Kanada- Dollar.

Zurück in die Moderne: Am Ausgang eines kleinen Parks der futuristische CN- Tower, der      hohe Fernsehturm und die, mit einer gewaltigen, in Minuten wegfahrbaren, weißen  Kuppel versehene Sportarena Sky-Dome. Der Wind bläst hier heftig: Die Hochhäuser wirken wie ein Windkanal!

Es ist jetzt Nachmittag. Wir fahren die 400 entlang in ein kleines Vorstädtchen mit deutsch klingendem Namen: Kleinburg . Am Eingang liegt im Wald das Mc. Michael- Collection -Centre. Die beiden Brüder, die das Zentrum Anfang des Jahrhunderts aufgebaut hatten, waren Kunstsammler und widmeten sich insbesonders der Kunst der Inuit. Sie vermachten Sammlungen und Wohnhäuser dem Staat, leider hat die Gallery, jetzt um 17.00 Uhr gerade geschlossen, so dass wir uns nur ansehen können, was in dem angegliederten Geschäft an Eskimokunst ausgestellt ist:  Schnitzereien aus Walknochen, kleine Steinplastiken, gefärbte Textilien.

Das Städtchen ist gleichzeitig eine Art Museum mit hölzernen und steinernen pittoresken Landhäuschen aus dem letzten Jahrhundert, mit zahlreichen Antiquitätengeschäften und skurrilen (Garten-)  Möbeln aus geflochtenem Astwerk.

In einem Universalladen (Laden, Snackbar, Eisdiele, Videoverleih, Lottogeschäft) sitzen wir  in den Auslagen und essen Fish & Chips und Banquetburger .

Heimfahrt: Irgendwo brennt es: Uns kommen grellgelb gestrichene Feuerwehrautos mit lautem Getöse entgegen. Fahrt auf  teilweise16- spurigen Highways. Gegen 21.00 Uhr gehen wir ins Bett.

 

Montag,13.09.99

 

Um 08.00 Uhr, pünktlich, fahren wir weiter.

Stadtauswärts über den Highway 410 , Richtung Kingston.. Nachdem wir die letzten Ausläufer von Toronto hinter uns gelassen haben, wird der, anfangs dichte Verkehr etwas ruhiger. Hinter uns, eine Wolkenfront, die wir rasch hinter uns lassen.

Das Land ist flach, die Straße ist gesäumt von Laubwäldern aus Eschen und Eichen, Spitzahorn, Trauerweiden und im Unterwuchs aus Essigbäumen.

Weitläufige Farmen mit Holz- und Wellblechscheunen in der Ferne, dazwischen rostig-grüne Maisäcker, Wiesen und Stoppeläcker, vereinzelte Bäume leuchten schon herbstlich herüber.

Bei Newcastle fahre ich auf Verdacht ab, um dort ein Frühstück zu ergattern. Das ländliche Örtchen strahlt gemütliche Morgenruhe aus, mit gedämpfter Betriebsamkeit:  Die Kinder werden zum gelben Schulbus gebracht, die Morgeneinkäufe in den wenigen kleinen Lädchen getätigt. Eine freundliche Frau weist uns auf meine Frage nach einem Frühstückslokal, den Weg.

Das kleine Restaurant strahlt ländliche Gemütlichkeit aus. Die Wirtin mit sauber gesteifter Schürze nimmt unsere Bestellung auf: Pancakes mit Bacon, Butter und Ahornsirup, rustikaler Toast mit Rührei und Bratkartoffeln, dazu relativ gut schmeckender, wenn auch amerikanisch dünner Kaffee, auf den Papiersets Kleinanzeigen örtlicher Läden, Handwerker und Ärzte.

Weiterfahrt nach Kingston.

Das flache Land geht über in eine sanfte Hügellandschaft.

In Kingston kaufen wir in einem Supermarkt Lebensmittel, dann quartieren wir uns  in einem Super 8 - Motel am oberen Ende der Princess- Road ein. Der Besitzer, ein freundlicher Mann indischer Abstammung, weist uns in die Bedienung der, in Toronto gekauften Telefonkarte ein: Telefonieren ins Ausland ist hier eine genauso umständliche, wie zeitraubende Angelegenheit mit sieben Siegeln, genau so, wie in den USA.

20 km südlich, in Gananoque, das Eingangstor in die Inselwelt der 1000 Islands.

Entstanden ist diese schärenähnliche Landschaft im Süßwasser des Ontariosees, nach der letzten Eiszeit. Aussteiger, reiche Leute und Millionäre, sowie  im letzten Jahrhundert auch Flußpiraten, haben sich hier ihre kleinen Inselparadiese verwirklicht. Die einzelnen Inseln haben somit alle ihre eigene Geschichte, wie uns auf der dreistündige Inselrundfahrt auf dem Schiff (übrigens ein ehemaliger Rhein- Ausflugsdampfer) erläutert wird.

Die Grenze zu den USA verläuft mitten durch das Inselreich, so daß wir zeitweise auch amerikanisches Gewässer befahren. Dieser Umstand und die Möglichkeit tausender Verstecke, führte während der amerikanischen Prohibition zu regsamer Schmuggeltätigkeit. Noch heute wird gelegentlich 70 Jahre alter Whiskey auf dem Seegrund entdeckt.

Auch auf den kleinsten Inseln befinden sich Häuser unterschiedlichsten Stils und Bauweise, auf den Größeren: parkähnliche Anlagen und Prachtvillen.

Der Höhepunkt ist Boldt`s Castle. George Boldt und seine Frau Louise bauten sich hier ihren eigenen Traum, einen typisch amerikanischen: George Boldt kam Anfang des Jahrhunderts als Einwanderer in die USA, sprach kein Wort Englisch und schaffte es vom Tellerwäscher zum reichen Hotelier und war zuletzt Besitzer des legendären Waldorf Astoria in New York und Multimillionär.

Die Sehnsucht nach seiner europäischen Heimat hat ihn aber offensichtlich nie ganz verlassen, so daß er sich hier sein eigenes Schloß mit 145 Zimmern schuf, auch als Krönung seiner Ehe. Nach dem Tode seiner Frau kam er allerdings nie wieder hierher, zog Bedienstete und Arbeiter ab, das Schloß verfiel bei Wind, Eis und durch Vandalismus.

Die Betreiber der Thousand Island Bridge, einem ebenso imposanten Brückenbauwerk, kauften es schließlich 1977 zusammen mit dem ebenso imposanten Yachthaus und ließen die beiden Gebäude, heute Touristenattraktionen aufwendig restaurieren.

Zurück am Landesteg telefoniere ich noch mit Toos , sie gibt uns den Tip, morgen über Ottawa, den Ottawa- River entlang zu fahren. In einem Alkoholika- Laden kaufen wir noch kanadisches Bier.

In Kingston beginnt es bereits zu dämmern, der Himmel ist bedeckt, die Luft aber ist warm.

Wir beschließen einen kleinen Abendbummel, vorbei an Neugotischen Kirchen, kanadischen Gründerzeitvillen mit Türmchen und Erkern, weißen Fensterrahmen, bunt gestrichenen Läden, klassisch- amerikanischen Säulenportalen und Jugendstilfenstern, aus denen gemütliches Licht auf die Straße scheint: Ein hübscher Ort, auch Charles Dickens, der Dichter, schwärmte letztes Jahrhundert schon von hier! Die Flaniermeile Princess - Street, gesäumt von zahlreichen Läden: Buchantiquariate, Einrichtungsgeschäfte, Ramsch- und Kunstläden, gemütliche Kneipen und Restaurants unterschiedlichster Konvenienz.

Gegen 20.00 Uhr setzt warmer Regen ein, wir fahren im Dunkel in unser Motel, der Besitzer hat die Schreiner im Haus, die gerade in einer Nische ein Einbauschränkchen zimmern..

Abendessen in unserem Zimmer mit dunklem Leinsamenbrot, Rinderschinken mit Knoblauch, Tomaten, Salami und Käse, dazu das gekaufte Dosenbier.

 

Dienstag, 14.09.99

 

In der Rezeption unseres Motels gibt es heißen Kaffee. Wir sitzen auf den Betten in unserem Zimmer und frühstücken von den Resten, die wir gestern mitgebracht haben.

Um 08.45 Uhr starten wir schließlich in den Morgen.

Der Himmel ist wolkenverhangen, als wir die 401 stadtauswärts fahren, allerdings nicht lange, bis wir in die 438 einbiegen.

Am Straßenrand Ahorn- Eschen- Mischwälder, dazwischen vereinzelte großblättrige Eichen und weitläufige Farmen mit Wiesen, Mais- und Sojabohnenfeldern, die jetzt, fast reif, gelbbraun zu uns herüber leuchten.

Die Landschaft wird langsam etwas welliger und seenreicher, bei der kleinen Ortschaft Portland halten wir und blicken am „Kommunalstrand“, einem 10m breiter Streifen Sand, auf den ruhigen, dunstigen See hinaus.

Bei einer kleinen Bank wechselt Günter einen Traveller- Scheck.

Der Ort wirkt etwas verlassen- ärmlich, die Holzhäuser könnten etwas Farbe vertragen. Das einzige, winzige Restaurant im Ort hat nur Freitag- Sonntag geöffnet und wirkt nicht sehr vertrauenserweckend.

Zurück auf der Hauptstraße beginnt es zu regnen, ich stelle den Tempomat des Ford Windstar auf konstant 90, lehne mich zurück, nehme den Fuß vom Gaspedal und lasse die Landschaft an mir vorübergleiten

Unterwegs halten wir zwei Mal, um uns die Vegetation und die Landschaft näher zu betrachten:

Das erste Mal ist der Bewuchs lückenhaft und karg, die Humusauflage nur dünn, die Landschaft fast heideartig, wobei statt Wacholdern hier wilde Lebensbäume wachsen.

Dazwischen  Herbstastern mit ihren blassblauen Körbchen und niedere Ranken der Wildform des echten Weins mit kleinen, blauen , süßsauer schmeckenden Beeren.

An der zweiten Stelle ist der Wald höher, mit Ahornbäumen, die schon Ansätze herbstlich- bunten Laubs zeigen, hohen Lebensbäumen, Kanada- Fichten, Birken und Faulbäumen. Der Boden ist moosbedeckt.

 Gestielte Postkästen markieren Einfahrten in den Wildwuchs am Straßenrand, Schotterwege führen zu den Häusern der Streusiedlungen im Wald.

Ein Stopp in Spring- Falls, einem kleinen Unterzentrum, geprägt von Tankstellen, Geschäften und Fast- Food- Restaurants. Bei Horton`s, der kanadischen Version einer  Schnellcafe`kette schlürfen wir sehr süße, heiße Schokolade und ebenso süßen French- Vanilla- Kaffee, dazu Donuts, Preisselbeergebäck und köstliche, luftige, fettig- süße Strauben (nach meinenm Geschmack!). In der Glasvitrine: Schwarzwälder Kirschtorte (Black Forest- Cake) kanadischer Art.

 Weiter auf  der Landstraße Nr.4.

Ontario, die Hauptstadt, ist eine geschäftige, moderne Stadt, die wir heute aber nur durchfahren, um später, auf der Rückreise von Quebec, wieder hierher zu kommen. Sie ist gleichzeitig Grenzstadt zwischen dem englisch- und dem französischsprachigem Teil Kanadas: Sobald wir den Ontario- River überquert haben ,sind alle Schilder, Geschäfte und Restaurants auf Französisch.

An einem Aussichtspunkt mit hölzerner Plattform halten wir an, um auf die Talaue des ungezähmten Ontario- Rivers zu schauen.

So müssen unsere Flüsse in Europa auch einmal ausgesehen haben, bevor sie in ihr Korsett gezwungen wurden: Lebendig, ausufernd, mit ausladenden Feuchtflächen in der weitläufigen Aue, jede Menge Platz, um Hochwässer in einer Landschaft zu verteilen, die eine pralle Fülle von Pflanzen und Tieren zeigt, die diesem semiaquatischen Lebensraumtyp angehören.

Im St.- Philippe- National- Preserve können wir einen noch tieferen Einblick in diesen Lebensraum gewinnen: Ein schwimmender Steg führt über ein Auegewässer, zugewachsen mit rundblättrigem Froschbiß, Froschlöffel, Pfeilkraut, Myriophyllum und Elodea, dazwischen die gelben Blüten des fleischfressenden Wasserschlauchs (Utricularia).

An den Ufern staken Fischreiher durch das Wasser, hier gibt es auch Sumpfschildkröten, auf, im Wasser treibenden, modernden Ästen hocken dicke, braungrüne Frösche.

Weg vom Ontariofluß über Lachute  nach Morin Heights.

Das Gelände wird bergiger, hier ist Kanada pur!

Zwischen den bunt werdenden Ahorn- Birken- Fichten- Mischwäldern, eingebettet in die Hügel:  Seen, kleine Hochmoore mit leuchtend grünem Torfmoos, schwarzen Tümpeln und verkrüppelten Baumruinen.

Am Ortseingang von Morin- Heights die Auffahrt zu den Blue- Hills. Am Haus - Nummer 122 die holländische Flagge, die Coen  und Toos wegen unserer Ankunft gehisst haben. Unsere Freunde aus Holland sind, wegen ihrer Tochter Esther, die mit einem Kanadier verheiratet ist, nach Coens Pensionierung nach Kanada ausgewandert und haben sich hier ein Häuschen gekauft.

Ein überaus herzlicher Empfang durch unsere Gastgeber für die nächsten beiden Tage, bei klassischer Musik. Wie immer, sind Coen und Toos sehr nette, aufmerksame Gastgeber, Günter und Marlene sind als unsere Freunde, die die Beiden noch nicht kennen, sofort willkommen.

Coen hilft uns, unser Gepäck in die beiden Schlafzimmer unter dem Dach zu tragen. Als Willkommenstrunk ein Glas Sherry im Wohnzimmer.

Das Holzhaus mit Wintergarten ist sehr adrett und sehr geschmackvoll- gemütlich eingerichtet und liegt sehr idyllisch, mitten im Wald auf einer gepflegten Wiese. Hinter dem Haus: Ein Swimmingpool mit hölzernem Umlaufsteg un Geländer.

Eine kleine Spätnachmittagswanderung führt uns durch den Wald der Umgebung, am Wegesrand zwei verschiedene Bärlapparten (Lycopodium).

Toos hat inzwischen unser Abendessen bereitet: Ein typisch kanadisches Essen, wie sie uns erklärt: gepökeler Schhinken  in Ahornsirup gegart, dazu Karotten/Erbsengemüse, Kartoffelbrei und Salat.

Bei gutem Wein und angeregten Gesprächen beschließen wir den Abend. Coen erweist sich, wie immer, als sehr unterhaltsamer, geistvoller Gesprächspartner mit dem richtigen Humor am richtigen Fleck. Bei ihm merkt man, wie Bildung, gepaart mit Wissen, eine runde Einheit bilden können, eine Eigenschaft, der man nicht sehr häufig begegnet. Toos ist, wie immer, eine sehr aufmerksame und einfühlsame Zuhörerin, auch mit ihr ist eine Unterhaltung stets ein Genuß!

Gegen 22.30 Uhr gehen wir schließlich ins Bett.

 

Mittwoch,15.09.99

 

Morgenspaziergang zum kleinen See unterhalb des van Hilst- Hauses. Die Morgensonne scheint auf die, auf dem See treibenden Nebelschwaden und bricht sich funkelnd in den Tautropfen im feuchten Gras am Ufer, Auch die großen Räder der Spinnennetze haben Morgentau gesammelt und leuchten, nun sichtbar, zwischen den Sträuchern am Waldsaum links und rechts des Weges.

Danach erwartet uns Toos am gedeckten Frühstückstisch, es gibt Kaffee, Eier, Wurst, Marmelade, dazu verschiedene Brotsorten.

Wir fahren nach Norden. Am See, in  St.Adolphe halten wir bei der blau- weiß leuchtenden Dorfkirche  auf dem Parkplatz und laufen hinunter zum blau schimmernden Wasser.

Auf dem Holzsteg begegnet uns ein älterer Kanadier mit grauem Schlapphut, in seiner Begleitung: Ein junger Student aus dem französischen Teil der Schweiz, der in Vancouver ein Praktikum absolviert und gerade im Osten Kanadas seine Semesterferien verbringt. Die Frau des Kanadiers ist, wie er erzählt, Künstlerin und im Moment in Tibet. Wir unterhalten uns angeregt, er gibt uns noch einige Tips, bevor wir  St. Agathe des Monts weiterfahren.

Oberhalb des Lac de Montagne Noir bei St.- Donat  halten wir auf einem Parkplatz und schnüren unsere Wanderschuhe.

Es geht bergauf durch einen hohen. Lichten Wald aus Ahornbäumen, Birken, Elsbeere, Buche und, vereinzelt, Fichten. Coen legt ein flottes Tempo vor, sein, in Australien gekaufter Strohhut ist als Letztes zu sehen, als er nach wenigen Minuten hinter einer Biegung verschwindet. Die Sonne malt lichte Flecken in das Laubwerk und auf den Pfad, auf dem wir aufwärts gehen.

Auf halber Höhe wartet Coen und führt uns zu einem Aussichtspunkt. Unten im Tal leuchtet der  Lac de Montagne Noir ultramarinblau, eingebettet in bunt werdende Wälder, zu uns herauf..

Unser Weg führt uns an zwei kleinen, einsamen Bergseen, auf dem Ersten, Größeren, schwimmt ein entenpaar, ein Biber hat im See, in Ufernähe seinen Bau errichtet.

Weiter bergauf, ca. ½ Stunde später, wird es felsiger,  von Stein zu Stein, dazwischen schwarzer, manchmal morastiger Waldboden, hüpfen wir bergauf.

Am Ziel unser Wanderung: Ein Stück trauriger kanadischer Geschichte:

Im Oktober 1943 flog hier eine Militärmaschine eine Gruppe von 23 jungen Soldaten auf Heimaturlaub, in den Tod. Sie wurden erst 1946 gefunden und ihre Überreste geborgen, die Wrackteile liegen noch heute, nach 56 Jahren, seltsam unversehrt, da aus Aluminium und Edelstahl, weit um uns herum, im Wald verstreut, da ein Stück der Tragflächen, dort die Reste eines der Motoren. Am Fuß eines großen, runden Felsens, dort, wo die Maschine zerschellte, 23 verwitterte, weiße Grabkreuze mit den Namen der Soldaten

Die Männer wären heute, wenn noch am Leben, Großväter!

Nachdem wir uns, zurück am Auto, mit Selterwasser, Paprika- Nachos, Cherry- Cola und Pflaumen gestärkt haben, fahren wir weiter, in den Nachmittag hinein zum Mont-  Tremblant- Prov. Park. Gegen 16.30 Uhr treffen wir dort ein. Der Park wird um 17.00 Uhr geschlossen (man kann dort zwar noch rausfahren, aber nicht mehr hinein!).

Die Asphaltstraße wechselt bald in eine Schotterpiste.

Inzwischen sind Wolken aufgezogen, aber immer noch mit blauen Stellen.

Der Park ist vorbildlich angelegt, mit zahlreichen Hinweisschildern auf die 150 Seen und andere Sehenswürdigkeiten auf ca. 100 km2, dazwischen ein Wanderwegenetz und Übernachtungshütten, die man mieten kann. Auch zelten kann man hier, auf ausgewiesenen Wanderzeltplätzen. Außerhalb dieser Erschließungsstrukturen, die man nicht verlassen darf, ungezügelte Wildnis, mit Schwarzbären, Wölfen, Füchsen, Elchen u.v.m., denen man, wenn man still und aufmerksam ist, hier begegnen kann.

Die Seen zeigen unterschiedliche Verlandungsstadien, mit abgestorbenen Bäumen, Seggen und Torfmoosen am Ufer, der Wald spiegelt sich im Wasser.

 Die Bäche stürzen gelegentlich wild, über Schnellen und Wasserfälle zuu Tal..Auf dem Weg hinaus begegnen uns nur noch wenige Fahrzeuge, wir  überlassen den Park einsam und stil der Abenddämmerung hinter uns, als wir das Schrankenhauschen am Ausgang passieren.

Heimfahrt über den Hwy 117 und 15, am Horizont sind die Wolken purpurrot gesäumt.

Abendessen bei Coen und Toos: Toos hat einen Römertopf mit einem Weißkrautauflauf mit Hackfleisch und Kartoffeln, mit Käse überbacken, im Ofen stehen, den sie nur noch heiß zu machen braucht. Dazu gibt es ein schönes Gläschen Rotwein, bei angeregter Unterhaltung bis spät in den Abend hinein: Um 23.00 Uhr gehen wir zu Bett.

 

Donnerstag, 16.09.99

 

Toos hat uns angeboten, unsere schmutzige Wäsche zu waschen, die bisher angefallen ist. Wir packen sie in einen Wäschekorb aus der kleinen Abstellkammer in unserem Schlafzimmer.

Nach dem Frühstück fahren wir wieder Richtung Norden, vorbei an dem Örtchen  Seize Isles  . Toos ist zuhause geblieben, da heute der Schornsteinfeger kommt.

Hier, auf dem See sind auf den 16 Inseln ebenfalls, ähnlich, wie in Kingston, kleine Inselparadiese für die Besitzer,

In der Nähe von Weir halten wir an einer Satellitenfunkstation, einst, zu Zeiten des kalten Krieges, militärisch genutzte Radioteleskope dienen heute der Telekommunikation.

Bei Arundel, auf einem Kalvarienberg, mit eisernen, braun gestrichenen, überlebensgroßen Figurengruppen, die die Leidensgeschichte Christi zeigen, ein schöner Rundblick über das Land.

Weiter, in  Brebeuf  , einer ehemaligen Eisenbahnstation ( der Schienenweg ist heute Radweg), ein Spaziergang zum See, der alte Bahnhof ist heute eine kleine Galerie, die der Künstlerin als Atelier und gleichzeitig als Ausstellungsraum dient. Wir laufen etwas herum und sehen uns das Örtchen an, eine Gruppe französisch/englischsprachiger Jugendlicher sind mit dem Fahrrad unterwegs, sicher auch eine schöne Art, hier seine Ferien zu verbringen.

Die adrette Auberge im Ort, früher eine Unterkunft müder Eisenbahnreisender, ist, wie Coen uns schildert, gut und preiswert, er hat selbst schon hier zu Zeiten übernachtet, als sie aus Zevenhofen hier ihre Tochter Esther besuchten.

Mont Tremblant ist das Abfahrtsskizentrum der Gegend.

Der Berg ist knapp 1000 m hoch und bietet im Winter excellente Schneebedingungen.

Wir fahren mit der Kabinenseilbahn auf den Gipfel, vorbei an den, jetzt kahlen,  im Sommer als Ralleypisten für Mountainbikefahrer genutzten Abfahrtsschneisen.

Der Rundblick auf dem Aussichtsturm auf dem Gipfel ist herrlich, wir können, obwohl es bewölkt ist, fast 90 km weit sehen, am Himmel fliegt ein Wasserflugzeug vorbei, das, wie Coen erklärt, auf dem See unter uns stationiert ist, und für Rundflüge für 50 $/Person zu chartern ist. Ein kühler Wind weht hier oben, bei frischen 14 oC.

Der Ort Mont Tremblant ist als Touristik- Zentrum vor 6 Jahren buchstäblich über Nacht entstanden. Allerdings habe ich noch nie ein so gelungenes Werk eines einzelnen Architekten gesehen. Dieser hat sich bemüht, hier eine urfranzösische Stadt entstehen zu lassen, ohne in Kitsch zu verfallen.

Die Häuserzeilen mit bunten Dächern und Fassaden sind reichlich gegliedert, mit Dachgauben, Erkern und Fensterbalkonen, im Erdgeschoss: Ladengeschäfte, elegante Boutiquen, Kunstartikelgeschäfte.

In einer Chocolaterie kaufe ich leckere Nussschokoladestücke, die wir auf einer Parkbank zusammen mit den Sandwiches, die uns Toos als Wegzehrung mitgegeben hat, verspeisen.

In einem Cafe` lassen wir uns zum Nachspülen noch Cafe`o`lait und Mokka einschenken.

In einem Kunstgewerbeladen kaufe ich eine CD mit schöner Klaviermusik und Naturgeräuschen. Coen scheint hier häufiger Gäste herbringen, da ihm der Ladenbesitzer eine kleine Provision gibt, die er mir später zusteckt.

Heimfahrt Richtung Morin Heights. In Saint Sauveur, einem hübschen Örtchen mit pittoresk, als Geschäfte hergerichteten Holzhäusern, bummeln wir die bunten Fassaden entlang, in einem Christmas- Shop, in dem es das ganze Jahr über Weihnachten auf typisch amerikanisch- kitschige Art ist,  kaufe ich, unter Weihnachtsklängen, ein kleines Döschen mit Teddybärendeckel.

Anschließend, im Drugstore noch ein Mittel für Gabi als Verdauungshilfe und Aspirin, das bier sehr billig ist. Nebenan im Supermarkt erstehe ich noch Birnen und eine Styroporbox zum Kühlhalten von Getränken im Auto.

Zuhause angekommen korrigiere ich noch ein bißchen an diesem Tagebuch, bevor wir zum Aperetif ins Wohnzimmer hinuntergehen.

Gegen 20.00 Uhr kommen Esther und Reynald zu Besuch.

Esther hat sich in den 16 Jahren, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe, obwohl sie inzwischen 5- fache Mutter ist, kaum verändert, im Gegenteil: sie wirkt hübscher als je zuvor!

Vor mir steht eine schlanke, blonde Frau mit blauen Augen und  den markanten Gesichtszügen, die ihre Abstammung nicht verleugnen, die uns mit breitem Lächeln begrüßt.

Es ist, als ob wir uns erst gestern gesehen hätten, sofort sind wir ins Gespräch vertieft.

Auch Reynald, schlank, mit schwarzen Haaren und Brille, erweist sich als lebhafter Gesprächspartner. Da er aus der Gegend von Quebec stammt, kann er uns noch wertvolle Hinweise für unsere Weiterreise geben.

Auch für dieses Abendessen hat sich Toos wieder viel Mühe gemacht. Es gibt einen Gemüseauflauf, wohlschmeckenden Nachtisch mit heißem Applepie, Vanilleeis und Sahne.

Das Abendessen und die anschließende Weinrunde verlaufen unter angeregten, fröhlichen Gesprächen, es ist Mitternacht, als sich Esther und Reynald verabschieden, draußen regnet es, so dass Coen die Beiden mit einem, auf der Unterseite geblümten Schirm, nach draußen begleitet. Schließlich sinken wir müde in unsere Betten.

 

Freitag,17.09.99

 

Eigendlich wollten wir heute nach Quebec weiterfahren und uns Montreal erst auf der Rückreise ansehen. Coen und Toos haben uns aber angeboten, da Montreal nur eine Stunde Fahrt entfernt ist,  heute dorthin zu fahren und noch einmal bei ihnen zu übernachten.

Wir nehmen gerne an, auch weil es bei den Beiden wirklich sehr schön ist.

So fahren wir am Morgen in die Stadt.

Weit im Süden, über Florida und Pennsylvania tobt ein Wirbelsturm, die Nachrichten sind voll davon. Dessen langer Arm reicht bis zu uns herauf, es regnet in Strömen und der Wind ist böig.

In Montreal parken wir in der Innenstadt auf einem bewachten Parkplatz, der Wächter nimmt unsere Autoschlüssel entgegen, bevor wir loslaufen.

Die Wolkenkratzer der Banken des Geschäftszentrums ragen in einen bleiernen Himmel, in der marmornen Eingangshalle der City- Bank entdecken wir ein Telephon und rufen zuhause an. Tobias ist dran, er hat bereits die ersten 4 Tage Berufsaufbauschule hinter sich, ansonsten ist zuhause alles O.K.!

Weiter geht es durch Häuserschluchten und die riesige Metrostation zur Chinatown, die allerdings lange nicht so originell ist, wie in Toronto.

Der Wind stülpt ständig unsere Regenschirme um und peitscht Regenschauer durch die Häuserschluchten, nach einiger Zeit hängt die eine Seite von Gabis Schirm herab, wie der gebrochene Flügel einer Ente: Zwei Streben sind geknickt!

Bei einem Mc.- Donalds flüchten wir ins Innere und wärmen uns bei einem Big Mäc auf.

Ein, ansonsten ordentlich gekleideter Mann Mitte Dreißig, bietet sich an, die Tabletts abzuräumen und isst die Reste, die die Leute übrig gelassen haben, auf.

Wir laufen weiter, zur ehemaligen Markthalle, ein langgezogener Bau mit einer Kuppel in der Mitte, aus dem letzten Jahrhundert.

Das Gebäude beherbergt heute elegante Ladengeschäfte und Boutiquen, im Obergeschoss ist eine Fotokunstausstellung, die ich mir ansehe.

Die Altstadt hier ist aus steinernen Häusern erbaut, es wirkt ein bisschen, wie in Londons Altstadt.

Ein Geschäft mit dem Namen Excalibur verkauft mittelalterliche Kleidung, Rüstungen, Kettenhemden, blitzende Schwerter und Fantasy- Artikel. Wir kaufen für unsere Kinder, für Weihnachten, Gürtel aus Kettengliedern und Drachenschnallen.

Wieder zurück, im Geschäftszentrum die weitläufige, teilweise unterirdische Einkaufsstadt des Eaton- Zentrums.

Der Eaton- Konzern ist pleite und verkauft seine Waren zum halben Preis, so dass hier dichtes Gedränge herrscht. In einem Laden erstehen wir für Stephan 2 Hosen, herabgesetzt auf 29$.

Wir fahren weiter Richtung Mont Real, dem Hügel, dem die Stadt ihren Namen verdankt, gegeben vom Entdecker und Erschliesser Kanadas, Cartier, der einst, von Indianern hier herauf geführt, die königliche Aussicht bewunderte.

Am Hang prächtige, schlossartige Villen, aus Stein gebaut. Der Gipfel ist ein weitläufiger Park, auch der städtische Friedhof befindet sich hier.

Es hat aufgehört zu regnen, die Wolkendecke reißt vereinzelt auf, manchmal blinzelt die Spätnachmittagssonne zaghaft hindurch.

Die Damen bleiben, erschöpft vom Regen, im Auto, während Günter und ich zum Belvedere, dem Aussichtspunkt, durch den Park laufen. Überall hoppeln handzahme Eichhörnchen durch den Park. Am Aussichtspunkt ein weiter Blick über die Stadt. In der Halle am Gipfel, die leider schon geschlossen hat, ein Diorama an der Wand zur Geschichte Montreals, wie uns Coen sagte.

Auf der Heimfahrt halten wir noch an einem großen Supermarkt und kaufen Wein, Käse, Weintrauben und andere Snacks, um uns für unsere Bewirtung bei unseren Gastgebern zu bedanken.

Den Hwy 15 zurück nach Morin- Heights durch die Abenddämmerung. In Morin Heights essen wir in einem kleinen Restaurant mit französisch- kanadischer Küche zu Abend, ich bestelle eine Gemüsesuppe und Fisch mit Reis,, die Anderen mögen es vegetarisch. Der Wirt freut sich, dass er deutsche Gäste hat und erzählt es stolz den anderen Gästen.

Gegen 21.30 Uhr sind wir wieder in Blue Hills. Coen und Toos sitzen vor dem TV bei einem Bergsteiger- Actionfilm von Sylvester Stallone. Anschließend sitzen wir noch vor unseren Snacks und unterhalten uns noch zwei Stündchen, bis wir ins Bett gehen.

 

Samstag, 18.09.99

 

Abschied von Coen und Toos. Wie ein Spuk sind die Reste des Wirbelsturms heute Nacht über uns abgezogen, als ich morgens erwache, um am Tagebuch zu schreiben, scheint draußen die Morgensonne unter wolkenlosem, stahlblauem Himmel, auf die Wipfel der herbstlichen Ahornbäume des Waldes am Haus.

Wir packen unsere Sachen und tragen sie die Holztreppe hinunter zum Auto, während Toos in der Küche das Frühstück bereitet.

Coen gibt Günter noch ein paar Tips für die Weiterfahrt, dann bedanken wir uns noch einmal herzlich für die Gastfreundschaft und fahren los. An der Post in Morin Heights halten wir, um Postkarten einzuwerfen, als ein rotes Geländeauto hinter uns hält und hupt. Es ist Coen: Ich habe meinen Anorak hängen gelassen! Winkend verabschieden wir uns ein zweites Mal.

In Saint Sauveur halten wit an einem Lewis- Geschäft. Die Sachen sind hier erheblich billiger als zuhause! Wir kaufen für uns und unsere Kinder Jeans, Pullover und Hemden für umgerechnet 600 DM.

Da wir nicht af die Autobahn  möchten, fahren wir auf der 158 Richtung Quebec.

Bei Joliette, einem kleinen Provinzstädtchen, halten wir und laufen ein bisschen am Gemüsemarkt herum. Hier war vor Kurzem das Mühlenfest: Auf Holzpodesten sind alte Landmaschinen aufgebaut, eine hölzerne Puppe schwingt den Dreschflegel, über die Straße hinweg sind bunte Wimpelketten gespannt. Die Kirche ist eine der grössten Ostkanadas.

Weiter geht die Straße am St. Lorenzstrom entlang. Es ist warm, die Nachmittagsonne bescheint weitläufige Felder, Maisfelder und Wiesen, Scheunen mit bunten Dächern, silbern glänzende Hochsilos: Hier ist eine der Kornkammern Kanadas! Am Straßenrand bieten Stände Äpfel und Kürbisse feil.

Trois Rivieres Ouvest ist ein hübsches Kleinstädtchen mit zahlreichen alten Häusern und Villen, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen. In einem Antiquitätengeschäft kaufen sich Scheers zwei bunte Stiche mit Pflanzenmotiven, Gabi und ich schlendern weiter, die Hauptstraße entlang, vorbei an bevölkerten Strassencafe`s und kleinen Geschäften, hinunter zum Ufer des breiten St.- Lorenzstroms, der träge an den Hafenanlagen vorbeifließt.

Gegen 18.00 Uhr biegen wir von der Hauptstraße ab und fahren nach Pont Rouge, das am Fuße eines kleinen Nationalparks liegt, ein Örtchen, das im Sommer Angelmöglichkeiten nach Lachs und Forelle, im Winter ausgedehnte Langlaufloipen zu bieten hat.

Hier, im Motel Bonne Air, das ich zuhause schon im Internet ausfindig gemacht habe, logieren wir uns ein.

Ich setze mich noch ein Viertelstündchen mit einem Stuhl auf die kleine Holzveranda hinter dem Haus in die untergehende Abendsonne, mit Blick auf einen gepflügten Acker und den Waldrand.

Gegen 20.00 Uhr gehen wir vor zum hauseigenen Restaurant.

Nachdem uns die freundliche, mütterlich- kompakte Bedienung die Plätze zugewiesen hat, bekommen wir Tomaten/Karottensuppe mit Zwiebeln, vorzügliche Spaghettis und Pizzas serviert, meine 14`` - Pizza ist so gigantisch, daß ich sie sie am Nebentisch auf einem Rechaud serviert bekomme, um sie warm zu halten. Dazu gibt es in einer Karaffe serviert, leichten Rotwein. Gut gesättigt, sinken wir gegen 22.30 Uhr ins Bett.

 

Sonntag, 19.09.99

 

Frühstück mit Schinken und Ei, dann Aufbruch nach Quebec.

Schon von der Autobahn 40, in der Ferne, ein imposanter Anblick. Auf die Stadt zu, wird der Verkehr immer dichter. Wir fahren zunächst zu einem Hochhaus, das laut Reiseführer im 32. Stock einen Rundblick über die Stadt und ihre Umgebung bieten soll.

Wir parken in der Tiefgarage, Günter versteht die Empfangsdame in der Rezeption offensichtlich falsch,, so dass wir erst nach einigem Umherlaufen in der Umgebung wieder ins gleiche Haus zurückkehren, wo wir erfahren, dass wir nur um die Ecke im selben Haus hätten laufen müssen. Allerdings haben wir beim Umherlaufen ein Hertz- Büro entdeckt, wo wir fragen können, ob wir mit unserem Mietauto in die USA fahren dürfen.

Mit dem Fahrstuhl zur Aussichtsetage, dem Observatoire de Capitale.

Der Ausblick ist wirklich großartig: Die Stadt liegt ausgebreitet unter uns, vor den Fenstern: Tafeln mit Erläuterungen zur Geschichte von Quebec.

Auf dem Weg zur Stadt: Vorbei an der alten, türmchenbewehrten Kaserne und dem prächtigen, schlossartigen Hotel du Parlament.

Die Stadt ist umkränzt von einer Stadtmauer mit Schiessscharten für die Kanonen, die überall noch dekorativ herumstehen.

Auf der Stadtseite ist Erde bis zur Mauerkrone aufgeschüttet, gemähte Wiesenfläche, so daß wir die Stadtmauer im  Sonnenschein auf der Krone entlang laufen können. So haben wir einen schönen Überblick über die Altstadt, alles überragend und von allen Punkten aus sichtbar: Das imposanteste Gebäude der Stadt: Das Hotel Chateau Frontenac mit seinen Erkern und Türmchen, das wir schließlich erreichen. Das Gebäude wirkt wuchtig und filigran zugleich, erst 1920 hoch über dem Ufer des St. Lorenzstroms  fertiggestellt, ist es wohl für Quebec genau so ein Wahrzeichen, wie der Eiffelturm in Paris. Vor dem Chateau: Eine weitläufige Holzpromenade, gesäumt von schmiedeeisernem, grün gestrichenem Geländer und grün- weiß leuchtenden Pavillons, die dem Ensemble eine gewisse Eleganz verleihen.

Quebec ist wohl, wenn man von New Orleans absieht, die französischste Stadt außerhalb Frankreichs, möglicherweise noch französischer, da die Auswanderer sich aus Heimweh wohl Mühe gegeben haben, ein verklärtes Bild ihrer verlorenen Heimat zu schaffen.

Die Fensterläden, Balkone und Erker der Steinhäuser sind bunt bemalt, ausladende Blumengehänge an den Balkönchen, auch die neugotisch- und -romanischen Kirchen erinnern an französische Vorbilder. Überall sind Strassencafe`s und Restaurants mit französisch geprägter Küche, allerdings verrät das eine oder andere Mc..Donalds- oder Tim Horton- Emblem, dass wir nach wie vor in Kanada sind.

Ein Stand in der Nähe des Chateau Frontenac bietet eigenwillige, handgefertigte, elegante Strickjacken dar, von denen sich Gabi eine kauft, nachdem sie sie lange unter Anweisung der Verkäuferin probiert hat und wir von einer Parkbank aus zugesehen haben.

Unser Rundgang führt uns wieder an die Stadtmauer, mit Blick auf den Hafen, dann  zurück in die Einkaufsstraße St.-Jean, wo sich Marlene ein Paar Schuhe kauft und wir, in einem Jeansladen für Johannes noch zwei Cargo- Hosen mitnehmen.

Wir fahren  stadtauswärts in einen Vorort, der dem Reiseführer nach ein Huronendorf zeigen soll, zusammen mit indianischer Kunst.

Nach langem Umherirren finden wir es schließlich. Die Häuser der Hauptstraße unterscheiden sich nicht von denen anderer Vorstädte, mit der Ausnahme, dass in dem einen oder anderen Vorgarten ein Sperrholzwigwam steht, oder die „heimisch- Kunst“ - Läden Pseudo- Indianerkitsch feilbieten..

Im palisadenbewehrten „Original - Indianerdorf“, dessen Eintritt von 8 $ wir erst gar nicht bezahlen, laufen auf „indianisch“ geschminkte Collagestudenten vor qualmenden Feuerchen herum, auf dem Parkplatz zahlreiche Touristen- Busse.

Was ist aus den, einst so stolzen Huronen geworden, nach denen hier in Kanada noch riesige Landstriche (Lake Huron) benannt sind? Nur zwei spielende Kinder vor einem Einfamilienhaus zeigen indianische Gesichtszüge!

Hals über Kopf entfliehen wir dieser perversen Karikatur.

Auf der Heimfahrt fahren wir noch zu dem kleinen Nationalpark in der Nähe unseres Motel- Orts Pont Rouge.

Bei Douchesne, in der Nähe des breiten Jaque- Cartiere- Rivers glänzt ein ruhiger See in der Abendsonne. Wir laufen ein Stück den Uferweg entlang und setzen und auf die Holzbänke einer kleinen Plattform, die in den See hinein gebaut ist.

Bunte Bäume und rosa Wölkchen spiegeln sich im blauschwarzen, glatten Wasser, die Sonne steht tief am goldgelben Horziont, darüber wölbt sich ein Himmel mit allen Blauschattierungen, auch die blasse Mondsichel ist schon über den Wipfeln zu sehen.

Eine Entendame schwimmt zu uns heran und putzt sich auf einem Stein ausgiebig.

Abendessen im Motel mit Pizza- Frites und Pizza- Spaghetti- Combo und zwei Karaffen Rotwein, im Nebensaal eine Tanzveranstaltung.

 

Montag, 20.09.99

 

Heute ist es dunstiger als gestern. An Quebec vorbei, am Ufer des Lorenz- Stromes entlang, fahren wir auf der 138 Richtung Tadoussac.

Das Land wird zunehmend bergiger und bewaldeter. Rot leuchten die Inseln der Blutahornbäume aus dem Mischwaldmeer zu uns herüber.

An einem Schotterplatz rechts der straße halten wir an, Günther und ich überqueren die Straße und laufen den Steilhang hoch auf der Suche nach Fotomotiven. Auf dem moosigen Boden die bingelkrautähnlichen Blattquirle der Clintonia mit ihren roten Beerentrauben, am Waldrand herbstliche Farben zum Sattsehen.

Oberhalb Baie St.Paul ein herrlicher Ausblick auf die Bucht vor uns und den immer breiter werdenden St. Lorenz- Strom.

Baie St. Paul ist ein Künstlerstädtchen mit zahlreichen Galerien und Austellungen.

Ein elegantes weißes Holzhaus mit Veranda gegenüber unserem Parkplatz lädt zu einer Besichtigung ein. Eine Reihe von lokalen Künstlern hat hier ihr Domizil, das ganze Haus ist Ausstellungsraum.

Eine mächtige Kirche mit zwei spitzen Türmen läutet zur Mittagsstunde, als wir die Hauptstraße entlang laufen, in den Schaufenstern der pittoresken Häuser Bilder und Kunsthandwerk.

Weiter, Richtung Tadoussac durch bergiges Gelände, auch die weiteren Ortschaften und Weiler sind Künstlerkolonien., überall laden Schilder mit übergroßen Paletten und stilisierten Pinseln zum Betrachten der jeweiligen Bilder ein.

In Malbaie, wo ein französischer Segler einst sein Schiff auf Grund gesetzt hat (daher der Name!), gehen wir in einem Metrro- Supermarkt einkaufen. Weiter nach Tadoussac, dicht hinter mir ein großer Truck, der es offensichtlich eilig hat.

Die Fähre über den Fjord zum Ort ist kostenlos, drüben machen wir uns zunächst auf die Suche nach einer Unterkunft, außerhalb des Ortes mieten wir ein kleines Ferienhäuschen mit Küche und zwei Schlafzimmern.

Scheer`s und Gabi fahren zum Whale- Watching zurück zum Ort, mir ist das Gehetze von Urlaubstermin zu Urlaubstermin zu viel und beschließe, nicht mitzufahren  gehe stattdessen im nahen Wald spazieren und setze mich für ein halbes Stündchen an das Steilufer eines kleinen Waldbachs. Anschließend kehre ich zurück zum Haus, sammle unterwegs noch ein paar Samen von Wildblumen, hole mein Buch und lese auf der Holzveranda vor dem Haus, mit Blick auf den Wald.

Als es zu dämmern beginnt, der Himmel ist zwischenzeitlich bedeckt, raschelt es im nahen Gebüsch und zwei Schwarzbären, offensichtlich ein Muttertier und sein Junges, überqueren sichernd die Schotterstraße, bis sie wieder auf der anderen Seite im Wald verschwinden.

Gegen 19.00 Uhr kommen die Anderen zurück und erzählen begeistert von ihren Begegnungen mit Walen vom Schlauchboot aus.

An der Eßecke im Haus verzehren wir unsere mitgebrachten Sachen: Pastete, Räucherschinken, Käse, Lachs, Tomaten mit Zwiebel, dazu Baguette und gutes, kanadisches Bier.

  

Dienstag, 21.09.99

 

Ein grauer Tag! Wir fahren zunächst bei unserer Ferienhäuschensiedlung in die falsche Richtung..

Entlang der Straße hohe , halb bewachsene Dünen, die offenbar von Dünenskifahrern benutzt werden. Auf dem Sand wächst spärliches, leuchtend grünes Moos.

Als wir merken, dass wir auf der falschen Straße sind, kehren wir um, zurück nach Tadoussac.

Die 138 entlang, fahren wir bis Les Escoumins. Die Fähre geht erst um 12.00 Uhr, wie wir in einem Kolonialwarenladen erfahren, der gleichzeitig Tourist- Information ist, so dass wir 2 ½ Stunden Zeit haben.

So fahren wir die 138 Richtung Norden, bis wir an einem Restaurant halten, wo wir uns Kaffee mit Toast und Marmelade bestellen.

Ein Stück weiter halten wir an einem Strandstück, etwas abseits der Strasse.

Die Ferienhäuser hier sind nicht bewohnt, die Läden heruntergelassen, am Strand liegen grosse, braune Algenlappen und rundgeschliffene Steine und Felsen, auch die Hinterachse eines Anhängers rostet still unter grauem Himmel.

Zurück zur Anlegestelle, wo bereits einige Autos und ein Wohnmobil stehen.

Draußen auf dem Strom taucht ein Wal auf, um elegant  wieder im Wasser zu verschwinden, die Fluke aus dem Wasser gehoben.

Mit Verspätung taucht die Fähre auf. Ein geschäftiger junger Mann, der sich wie der Chefstauer eines Ozeanriesen gibt, rennt äußerst geschäftig hin und her, nachdem er vorher herrisch die Bordkarten verteilt hat.

Auf der Fähre ist es kalt und windig, so dass die Damen im Fährenrestaurant bleiben, ich setze mich nach draußen und blicke träumend auf den St. Lorenzstrom und stelle mir die kühnen Segler vor, die hier vor 200 Jahren aus Europa kamen und wieder zurücksegelten über die unendlichen Weiten des Ozeans.

Trois Pistoles heiß so, wegen seiner drei Kirchtürme, die schon lange vor unserer Ankunft am anderen Ufer zu uns herüberleuchten.

Die Straße läuft die flache Küste entlang, es ist Ebbe und der felsige Strand ist von rostbraunen Algen überzogen, die langen Straßendörferr mit ihren Holzhäusern, Motels, Fast- foot- Buden und Tankstellen wirken trist, es beginnt zu nieseln.

In  Rimouski, einem Industrieort mit einer riesigen Fischfabrik, kaufen wir noch für das Abendessen ein, als es wegen des grauen Himmels zeitig zu dämmern beginnt, suchen wir uns ein Motel: Manoir sur Mer in Ste.Anne des Monts, in Strandnähe.

Eine blonde, dicke, ältere Schweizerin Mitte 70 sitzt an der Rezeption und spricht deutsch. Die geräumigen Zimmer haben den Charme der 60- er Jahre, die Teppiche sind abgewetzt, aber ansonsten ist es sauber.

Wir essen bei Scheers im Zimmer, bevor wir zeitig gegen 21.00 Uhr ins Bett gehen.

 

Mittwoch, 22.09.99

 

Unsere Schweizerin erzählt uns beim Frühstück, dass sie schon seit 45 Jahren hier wohnt, während ihr blondes Enkelkind im Frühstücksraum umherwatschelt und seine Banane auf dem Teppich verteilt..

Wir gehen noch einmal auf unser Zimmer zurück, um zu telefonieren,, Scheers erreichen Jan und Marlenes Mutter, bei uns geht niemand ran.

Abfahrt im Nieselregen, der Nebel halbiert die Küstenberge, das Meer plätschert bleiern ans Ufer neben der Straße. Sobald diese die Küste zeitweilig verlässt, umgibt uns Nebel, aus dem schemenhaft die herbstlichen Bäume hervorgeistern, bis sie hinter uns wieder im Nebel verschwinden.

Auch die Küstenorte, durch die wir fahren, wirken verlassen: Niemand geht freiwillig bei einem solchen Sauwetter auf die Strasse.

Rechts der Straße: hohe, schwarze Klippen, schwarzes, gebändertes Sedimentgestein, manchmal abenteuerlich verworfen, bildet lange Schuttkegel entlang der Strasse, die direkt ans Meer grenzt. Warntafeln weisen auf Brecher hin, die bei Sturm die Straße überschwemmen können.

Eigentlich wollten wir über die Berge in den dortigen Nationalpark fahren, da diese aber in dichtem Nebel versunken sind, fahren wir weiter auf der Küstenstraße bis Gaspe`.

Über die Bucht vor dem Ort spannt sich eine weite Brücke, die Sandbänke sind grasbewachsen und bilden eine eigentümliche Wasserlandschaft.

Der Ort selbst ist auf die Berge der Küste hinaufgebaut, auf der Höhe eine große Klinik.

Das Museum zeigt ein Steinfragment aus Cartiers Zeiten, ansonsten sind das Älteste, was die Geschichte des Landes zu bieten hat, alte Fotos aus dem letzten Jahrhundert, bis in die Fünfziger Jahre. Naja, als Europäer muss man sein Geschichtsbewusstsein hier wohl relativieren!

Gabi ruft zuhause an und ist von den Nachrichten nicht recht begeistert: Johannes hat nun bereits seit 1 ½ Wochen eine Durchfallerkrankung, Stefan ebenfalls seit 3 Tagen und ist daher nicht in der Schule.

Weiter, auf der Küstenstraße   wieder Richtung Westen im Dauerregen.

Dem Örtchen Perce ist auf dem Meer ein monolithischer Felsblock vorgelagert, die Bucht schimmert blassblau im Regendunst zu uns herüber.

Die weiteren Orte, durch die wir fahren: z.B. Chandler, New Carlisle, New Richmont   wirken gepflegter als die, der Nordküste der Halbinsel, die Wälder sind dichter und bunter.

Bei   Campbellton  verlassen wir das Meer wieder und fahren auf der 17 landeinwärts. Die Brücke über die Bucht markiert zugleich die Grenze zwischen Quebec und New Brunswick und ist gleichzeitig Zeitgrenze: Wir müssen unsere Uhren geistig eine Stunde vorstellen.

Die Straße führt nun, teilweise schnurgerade, durch endlose Mischwälder, hier ist das Land nur dünn besiedelt. Da es nun immer finsterer wird, suchen wir uns in St.Quentin ein Motel am Straßenrand, mit dem anspruchsvollen Namen: Hotel Viktoria.

In einem vietnamesisch/ chinesischen Lokal essen wir zu Abend: Zwiebelsuppe mit Nudeln, Frühlingsrolle, Shrimpsalat mit Staudensellerie, in Honig und Knoblauch gebratene Fleischspieße, dazu Reis und Gemüse mit Garnelen.

 

Donnerstag, 23.09.99

 

Das Hotel ist ganz schön hellhörig: Gegen 05.00 Uhr sitzen wir fast senkrecht im Bett, als neben uns Einer die Dusche einschaltet: Es klingt, als wenn ein Güterzug über unser Bett fahren würde. Im Stockwerk höher läuft jemand rum, der Bretterboden knarrt wie in einem Horrorfilm.

An Schlaf ist wohl nicht mehr zu denken, also lesen wir bis um Sieben.

Draußen regnet es weiter Schnüre.

Gegen 08.00 Uhr frühstücken wir das Übliche: Bacon und „turned“ Eggs, Kartoffelstückchen fritiert und „brown“ Toast mit zerlassener Butter getränkt, dazu Marmelade..

Auf, Richtung Südwesten!  Bei Van Buren überschreiten wir die Grenze zu den USA. Die freundliche „Customerin“ zeigt uns, wie wir die grünen Einreisebögen ausfüllen sollen, Gabi schreibt bei Marlene ab und schreibt als Familiennamen doch tatsächlich „Scheer“ hin, bis sie merkt, dass sie ja eigendlich Müller heißt.

Der US- Bundesstaat Maine erwartet uns zunächst mit Wolken, es zeigen sich aber bereits einzelne Wolkenlücken. Das Land entlang der Bundesstraße 1 ist zunächst landwirtschaftlich genutzt, geht aber langsam in Waldland über. Zunächst geht es noch parallel zur kanadischen Grenze Richtung Süden, bei Woodstock fahren wir dann auf den Hwy 95 Richtung Südwesten.

Der Himmel zeigt immer größere Wolkenlücken, der Mischwald links und rechts der Autobahn wird immer farbiger, auf der Straße jagen sich die Schatten der Wolken.

Bei Medway verlassen wir den Hwy 95, um ein bisschen durch die Seenlandschaft hier, auf der Bundesstraße 11 zu fahren.

Nun herrscht inzwischen Kaiserwetter, kaum ein Wölkchen ist mehr am strahlendblauen Himmel zu sehen, das Wald- und Seenland zeigt sich uns in den schönsten Indian- Summer- Farben! Die Ahornbäume prangen in allen Rotschattierungen bis zum Gelb, die Seen leuchten blau zu uns herüber, am Straßenrand: leuchtende Farnsäume, wir halten häufig, um diese Farbenpracht zu fotografieren.

Über Milo, Dexter und Newport, weiter auf der 7 fahren wir zurück auf die Autobahn.

Ab Augusta nach Lewiston ist dieser Autobahnteil mautpflichtig, wir bezahlen einmal 75, dann 25 Cent und fragen uns, ob die geringe Gebühr den aufwand eigentlich lohnt.

Nach Lewiston über Norway und Hamilton nach Bridgton, das an einem schönen See liegt.

Die Ortsnamen hier in der Gegend lassen Eine durch ganz Europa und die Welt fahren. Hier gibt es Athens, Sidney, Belgrade, Manchester, Berlin, Naples, Waterloo, Freyeburg, etc.

Bei Gradys West Shore Motel  in Bridgton halten wir und laufen mit unserem leutseligen vollschlanken Vermieter zu einem Häuschen am See, das sich als ein Traum in Holz herausstellt: Voll eingerichtet, mit Regalen voller Bücher und zahlreichen Utensilien, Tischlampen aus Baumstämmen und Stoffschirm, offenem, gemauertem Kamin mit gusseisernem Holzofen davor, 2 Schlafzimmer, Küche, Schiebetüre nach draußen, 55 $ pro Paar und Nacht bei 3 Übernachtungen, die wir buchen.

In einem Kaufhaus kaufen wir noch Lebensmittel, in einem Pizzaladen Pizzas und  machen es uns zum Abendessen in unserer Hütte gemütlich.

 

Freitag, 24.09.99

Frühstück mit Blick auf den See, der ruhig in der Morgensonne zu uns in das Wohn/Esszimmer heraufglänzt.

Günter ist schon früh aufgestanden und hat mit dem Kanu auf dem See einige Runden gedreht und sitzt nun lesend in „National Geographics“ vertieft, auf der Holzveranda.

Wir braten uns Eier, ein alter , runder Toaster spendet gut gebräunte Schnitten.

Die Fahrt geht über Fryeburg nach N.-Conway. Unterwegs besorgen wir uns noch Infomaterial über den White Mountain National Forest. An einer altertümlichen Railway- Station in N.- Conway steht eine fahrbereite Dampflokomotive mit Tender.

Weiter auf der 112,  dem Kancamagus- Highway in den Forest. An einer Rangerstation besorgen wir noch weiteres Material und Postkarten.

Die Strasse führt leicht bergauf, am Flussbett des Swift- Rivers entlang, der silbern in der Sonne über Steine, Kies und Felsen hüpfend, zu uns heraufschimmert.

An einer alten, überdachten Holzbrücke von 1890 halten wir, auf dem Fußweg liegen dicke Eicheln, von denen ich einige mitnehme.

Weiter oberhalb neben der Strasse der Rocky George- See. Der Weg führt über das felsige Flussbett, an einem hölzernen Fußgängerüberweg stürzt das Wasser schäumend in die Tiefe.

Die Ahornbäume am Ufer leuchten in gelbroter Pracht.

Auf schattigem, wurzelüberwachsenem Waldpfad, umgeben von hohen Nadelbäumen, umrunden wir den kleinen, stillen See, im Unterholz vereinzelt Pilze und eine Pflanze mit zwei Blattwirteln am dünnen Stiel, gekrönt von blauen Beeren auf roten Stielen: die Indian Cucumber- Root.

Weiter, die Straße entlang zu einem bescheidenen Holzhäuschen am Straßenrand, das uns als „Passaconaway Historic Site“ angekündigt wird. Hier lebte um die Jahrhundertwende eine Mary Prescott, deren Mann eines Tages nur „kurz wegwollte“, in Wirklichkeit sich aber auf eine weite Reise begab, die ihn bis nach Südamerika und Cuba führte. Seine verlassene Frau entzündete daraufhin jeden Abend eine Kerze am Fenster ihres Häuschens im Wald. Als ihr Mann schließlich nach 42 Jahren zurückkehrte, war seine Frau gerade vor wenigen Tagen gestorben: Eine Geschichte, so richtig nach dem Geschmack sentimentaler Amerikaner, für die das hübsch eingerichtete Häuschen, so dastehend, als wäre die alte Dame gerade gestorben: Hübsche Möbel der Gründerzeit an den Wänden, eine alte Singer- Nähmaschine, ein altes Harmonium mit Registern an der Wand, auf dem Bett ausgebreitet: das schwarze Nachtgewand.

Ein Weg durch den Wald mit erläuternden Schildern erklärt uns, dass wir uns auf einer alten Eisenbahntrasse befinden, die zu einer Braunkohlenmine führte. Der Weg führt zum Swift- River, der hier in einem Feinkies- Sandbett ruhig vorbei fließt und bernsteinfarben leuchtet.

Im Wald: Bis zu 25 m hohe „White Pines“, Bäume, die einst bevorzugt für Schiffsmasten benutzt wurden und mit Ochsengespannen mit bis zu 80 Ochsen aus dem Wald gezogen wurden, wie eine Tafel am Wegesrand erläutert.

Über die Bear- Road queren wir in das Paralleltal, vorbei an einem herrlichen Weitblick auf den  2080 m hohen Mount Washington. Bei Barlett fahren wir an dicht, herbstlich bewaldeten Hängen vorbei, die Spätnachmittagssonne wirft bereits lange Schatten. Abseits der Hauptstraße sammeln wir noch bunte Ahornblätter. Auf dem Nachhauseweg kaufen wir in einem Supermarkt dicke Steaks, Salat und Gemüse.

Es ist schon fast dunkel, als wir wieder zuhause in unserer Hütte am See ankommen, wo wir unsere Steaks verdrücken, zusammen mit, noch nicht richtig ausgegorenem kalifornischen Wein, der noch fast wie Traubensaft schmeckt und auf der Zunge moussierend prickelt.

 

Samstag, 25.09.99

 

Heute stehen wir etwas später auf, denn wir planen keine größeren Ausflüge. In der Nacht hat es, wie ich gegen 3 Uhr morgens, als ich kurz aufwachte, feststellte, geregnet, am Morgen haben sich die Wolken aber wieder verzogen, so dass uns die Morgensonne am klaren Himmel über dem See, wie am Vortag,, durch die Fenster auf den dunklen Esszimmertisch scheint..

Gabi wäscht nach dem Frühstück einige Wäschestücke im Waschbecken, die ich draußen an der Wäscheleine aufhänge, bevor wir in den Ort fahren.

Wir schauen bei zwei Antiquitätengeschäften rein, bis zum Obergeschoss voll mit Krimskrams, amerikanischer Provenienz, aus vergangenen Zeiten. In einer Kiste, sauber geordnet nach Jahreszahlen entdecke ich alte TIME- LIFE- Magazine und nehme das Heft vom 02. Dezember 1946, erschienen, 2 Tage nach meiner Geburt, mit. Das Titelbild zeigt die Schauspielerin Ingrid Bergmann, im Kettenhemd der heiligen Johanna.

In einem Bücherladen suche ich geologische Literatur, die langhaarige vollschlanke Mittdreissigerin im Buchladen ist sehr bemüht, findet aber nichts Passendes.

Weiterfahrt zum samstäglichen Trödelmarkt in Bridgeton. Ein Gebrauchtbücherstand bietet eine Plastiktüte voll Bücher für einen Dollar, eine zahnstummelige, ältere Frau hält mir grinsend einen Beutel hin, den ich vollstopfe mit Heften der Zeitschrift „National Geographics“.

Nach einem kurzen Abstecher an unserer Hütte vorbei, fahren wir zu einem Skiberg in der Nähe, wir haben uns bei unserer Ankunft im Touristikzentrum eine Fotokopie aus einem Wanderführer besorgt.

Der steinige Wanderweg führt steil bergauf, auf dem Weg buntes Herbstlaub.

Schon nach wenigen Metern Butter- und Birkenpilze am Wegrand, die wir in unseren mitgebrachten Stoffbeutel sammeln.

Die Wanderzeichen führen uns zu einem klammartigen Einschnitt, in den ein Bergbach hineinplätschert. Weiter geht es, steil bergauf, bis die Anderen meinen, wir sollten umkehren, damit wir noch den Nachmittag an unserer Hütte geniessen können. Auf dem Rückweg finden wir sogar noch prächtige Steinpilze. Am Wegrand grabe ich  vier kleine Zuckerahornbäumchen für unser Grundstück in Untersteinbach aus.

Zurück am Häuschen macht Günter mit Gabi und anschließend mit Marlene eine kleine Kanurunde über den See, während ich in der Küche schon mal die gewürzten und in Mehl gewälzten Hühnchenschlegel und -brüste im Topf anbrate, dann die Zwiebeln bräune und das Ganze in Sahne schmoren lasse.

Später hilft mir Gabi beim Pilzeputzen, die Pilze werden in der Pfanne gewürzt und geschmort, bis ich sie in die Sahnesauce mit hinein gebe..

Dazu gibt es Nudeln. Gabi hat es gut gemeint, so dass noch ganz schön viel Nudeln in der Schüssel bleiben, bevor wir das Abendessen beschließen und im Wohnzimmer noch etwas zusammen sitzen , uns unterhalten, bevor wir gegen 21.30 Uhr ins Bett gehen.

 

Sonntag, 26.09.99

 

Heute bin ich schon zeitig aus dem Bett, da wir um 08.00 Uhr fahren wollen.

Um 06.00 Uhr stehe ich auf und setze mich am Wohnzimmer- Esstisch an mein Notebook um Tagebuch zu schreiben.

Draußen dämmert der Morgen, im Osten wird es schon hell, über den blaugrauen See treiben Nebelschwaden.

Gegen 06.45 Uhr färbt sich der Himmel dort, wo bald die Sonne aufgeht,, gelbrot, die Wölkchen am, sonst freien Himmel, färben sich an ihren Rändern rosarot, draußen herrscht der Zauber des Morgens kurz vor Sonnenaufgang. Günter ist mittlerweile auch aufgestanden, wir beide gehen mit unseren Fotoapparaten zum See, um die Stimmung  zu bannen,, bis die Sonne strahlend über den Wipfeln des Waldes erscheint.

Inzwischen sind auch unsere Damen wach und bereiten das Frühstück vor, während ich mein Tagebuch fertig schreibe und im Bad verschwinde.

Wir verabschieden uns von Mr. Grady, geben den Schlüssel unseres Häuschens                                           am See ab und fahren los. Ganz in der Nähe unseres gestrigen Wanderpunkts liegt ein stiller, farbig umsäumter kleiner See, wo wir doch noch einmal halten müssen, um diese Farbenpracht zu bannen, die sich im ruhigen Wasser spiegelt.

Über Freyeburg und N.- Conway, am Südrand der White- Mountains vorbei, geht es am Winnipesansee vorbei über Meredith nach Claremont, wir haben inzwischen den Bundesstaat Maine verlassen und befinden und in New Hampshire. Unterwegs wieder zahlreiche ausblicke auf eine abwechslungsreiche Landschaft.

Bei Claremont fahren wir auf der Interstate 91 bis Brattleboro und durch den Green Mountain National Forest auf der 9 ein Flüsschen entlang.

Hier sind zahlreiche Sonntagsausflügler unterwegs, auch viele Motorradfahrer auf schweren Harley- Davidsons.

Bei Wilmington ein größerer Trödelmarkt, Günter findet doch tatsächlich eine historische, mechanische Apfelschälmaschine, die er früher einmal, bei einem USA- Besuch 1971 gesehen hat, und von der er uns erzählt hat, allerdings kostet diese 95 $, so daß er doch die Finger davon lässt.

An einem Aussichtspunkt haben wir eine herrliche Weitsicht über 150 km endlose Herbstwälder.

Nachdem wir auf einem Parkplatz abseits der Strasse unsere restlichen Hähnchenteile vom Vorabend verdrückt haben, fahren wir weiter nach Albany und auf der Interstate 90 an einem breiten Flusstal entlang, Richtung Syracuse. Inzwischen befinden wir uns bereits im US- Bundesstaat New York. Hier müssen sich viele Holländer einst angesiedelt haben, denn wir fahren an Amsterdam und Rotterdam vorbei, auch Rom(e) liegt um die Ecke.

Bei Syracuse tanken wir, fahren kurzfristig von unserer mautpflichtigen Autobahn ab, dann aber noch ein stück weiter, bis Port Byron und von da aus in das kleine Städtchhen Auburn.

In einem Rest Inn, betrieben von einer jungen Inderin, finden wir Quartier.

Nach einer Odyssee durch den verschlafenen Ort finden wir an einer Ausfallstrasse Richtung Syracuse eine Fast- Food- Ketten- Ecke, nachdem wir von Dennys über Ponderosa- Steakhouse und Wendys die Schuppen begutachtet haben, landen wir doch wieder in einem, wenn auch etwas heruntergekommen wirkenden Mc. Donalds. Die 17 - 20- jährige Mannschaft serviert Big- Mäc und Double- Pounder- Menüs, unserer ca. 18- jährigen Burgerverkäuferin mit den Plastikhandschuhen, mit denen sie auch das Geld kassiert (??) müssen die Burger auch gut schmecken, denn sie schiebt einen unglaublich fetten Hintern durch die Burgerküche.

Auf, an der Decke aufgehängten Bildschirmen flimmern Cartoons der Simpsons.

 

Montag, 27.09.99

 

Um 08.00 Uhr fahren wir los, irgendwo kommen wir vom Weg ab, als wir die 34 wieder erreichen, sind wir bereits unter der Interstate 90 durch und in der Nähe des Lake Ontario bei Victory. Naja, dann fahren wir halt auf der 104 nach Rochester. Es ist sonnig, aber schwülwarm und dunstig.

Bei einem Mc. Donald am Straßenrand halten wir zum Frühstück, es gibt Scrumbled Eggs, einen Burger, hashed & fried Potatoes und einen Muffin, dazu Kaffee, Tee und Marmelade.

Unsere Damen haben heute offensichtlich nicht richtig ausgeschlafen, insbesonders Marlene muffelt und meckert am Frühstück und dem Laden allgemein herum, nun ja, vielleicht reicht ihr auch langsam das Fast Food, mir schmeckt`s trotzdem und ich bin, im Gegensatz zur verknitterten übrigen Mannschaft voller Tatendrang und guter Dinge.

Vorbei an Rochester, einer typischen amerikanischen Stadt mittlerer Größe, und Buffalo nach Niagara Falls,

Die Niagara Road begleiten kilometerlang Motels, Fastfood- Schuppen, Möbelläden, Autoverkaufsgeschäfte , Tankstellen und Niagara- Informations.

Als wir ins den Fällen nähern, sehen wir schon von Weitem die Gischt.

An einem Parkplatz oberhalb der Fälle halten wir und laufen über die Grünanlagen zum Fluss, der über reißende Stromschnellen dem Abgrund entgegenrauscht. Kleine Inselchen mit Ahornbäumen und Weiden sind in der Flußmitte, auf Felsplatten liegen dicke Baumstämme, auf denen Möven in der Sonne sitzen.

Immer näher kommen wir zur Abrißkante, an der der Fluß unmittelbar, wie abgeschnitten, scheinbar endet, schon ist das dumpfe Donnern des riesigen Wasserfalls zu hören.

Dann stehen wir an der Oberkante der Fälle selbst, wo der Strom brüllend  60 m in die Tiefe stürzt, blaugrün, bis sich der Wasserkörper in weiße Gischt auflöst, ein unvergleichlicher Anblick.

Eigentlich sind es 3 Fälle: Ein großer und ein kleiner Fall auf amerikanischer Seite und der majestätische Hufeisenfall auf amerikanischer Seite. Unten, auf riesigen, hinabgestürzten, von grünen Algen und Wassermoosen überzogenen Felsbrocken gischtet das Wasser weit hinaus in den unten liegende, schäumenden Fluß, auf dem ovale, blauweiße Besichtigungsdampfer bis in den Gischtbereich fahren, auf dem Deck die Touristen in blauen, im Aufwind flatternden Regenmänteln.

Durch die abrupte Abkühlung der Luft wehen kühle, feuchte Aufwinde von unten herauf.

Über eine Brücke überqueren wir die Stromschnellen des östlichen Zweigs und laufen durch eine Parkanlage zum mittleren Fall. In der Gischt bilden sich Regenbogen, ein Aufzug führt zu hölzernen Plattformen am Fuß des Falls, auf denen in gelbe Regenmäntel vermummte Gestalten mit umgestülpten Regenschirmen in der Gischt stehen.

Weiter zum kanadischen Fall, der Hufeisenform hat. Auch hier ein grandioser Anblick.

Zurück durch den Park zum Auto. An einem Parkrestaurant mit Touristen- Nippesladen ein Denkmal des, vor 150 Jahren geborenen Physikers jugoslawischer Abstammung: Viktor Tesla:

Endlich mal Einer, der sein Denkmal verdient hat, im Gegensatz zu den Menschenmetzgern, die sonst auf solchen Sockeln herumlümmeln.

Wir fahren über die Rainbow- Bridge über die kanadische Grenze nach Niagara on thr lake und von dort über die Autobahn nach Hamilton.

Da die Stadt keine eigentliche Umgehungsstraße hat, zieht sich unsere Fahrt über zahlreiche Ampeln endlos hin. Wir hätten diesen Ort weiträumig umfahren sollen! Zudem herrscht noch Rush hour, jetzt, gegen 16.30 Uhr. Bei einem Tim Horton`s - Kaffee machen wir Pause bei Tee, French- Vanilla- Kaffee, Eiscapucino und Gebäck.

Auf der 6 hinter Guelph wird der Verkehr langsam weniger, wir fahren in der Spätnachmittagssonne durch eine sanft gewellte Farmlandschaft mit Wiesen, Stoppeläckern, Weinanbauflächen und Obstplantagen. Die prunkvollen, stattlichen Farmhäuser zeigen Wohlstand.

In Mount Forest halte ich an einem relativ günstigen Motel, unsere Damen meckern, ohne das Motel von Innen gesehen zu haben, des Menschen Wille ist sein Himmelreich, also fahre ich weiter, bis die Sonne blutrot unter dem Horizont versunken ist und wir im Dunkeln schließlich Owen Sound am Lake Huron erreichen.

Dort finden wir schließlich nach längerer Suche nach einem ähnlich günstigen Motel das Pinecrest- Motel für 48 $/Nacht. Die ältere Dame am Empfang ist etwas verwirrt und erzählt uns, dass es heute so drunter und drüber gegangen wäre, dass sie den schlimmsten Tag ihres Lebens erlebt hätte.

Zum Abendessen schlendern wir noch ein bisschen durch die Stadt an den, jetzt um 20.30 Uhr noch teilweise geöffneten Läden vorbei, die Nacht ist lau.

In einem chinesischen Lokal essen wir schliesslich zu Abend.

 

Dienstag, 28.09.99

 

Wir fahren zum Frühstück nach Owen Sound hinein. Ich besorge mir eine Telephonkarte und rufe zuhause an.

Wir gehen zu Tim Hortons frühstücken, unsere Fahrt zur Bruce- Peninsula, die sich weit in den Huron- See hineinstreckt, verläuft verständlicherweise etwas einsilbig.

In Wiarton fahren wir zur Tourist- Information, die Dame dort zeigt uns einige Cottagevermieter mit Küche, da wir beabsichtigen , zwei Tage dort zu verbringen.

Zunächst fahren wir die 9 Richtung Colpoys Bay, dort sind sehr hübsch, auf den Küstenfelsen gelegene Cottages, es ist aber niemand da, so daß wir weiterfahren. Das Wetter hat sich inzwischen eingetrübt, es beginnt zu regnen.

Bei der Hope- Bay fahren wir zu einem  Cottage- Vermieter in blauem Trainingsanzug und Bart. Er ist zwar freundlich, die Hütten sind aber ausgesprochen spartanisch und eng. Am Miller Lake im Norden fahren wir zu einem Campingplatz, der „Summer Homes“ offeriert, diese sind zwar geräumiger, stinken dafür aber modrig- faulig und nach Gas.

Also wieder die 6 hinunter nach Wiarton zu den zuerst gefundenen Cottages an der Küste. Die ältere Dame ist jetzt da, die Ausstattung ganz in Ordnung, wenn auch etwas heruntergekommen, der Preis 80 $/Tag, die Lage allerdings wunderschön, mit weitem Blick auf den Colpoys Bay. Allerdings hat die Sache einen Haken: Die Dame nimmt keine Kredidtkarten! Scheers hätten zwar noch genügend Bargeld, wir aber nicht mehr so viel, um die Hälfte zu bezahlen, sondern nur einen Teil, sonst hätten wir für den Rest des Urlaubs keinerlei Bargeld mehr gehabt, sondern nur noch die Kredidtkarte.

Marlene möchte aber den Rest des Urlaubs noch mit Bargeld bestreiten, da sie eine unergründliche Abneigung gegen Bezahlung per Kredidtkarte hat. So müssen wir nun nach längerer Diskussion schließlich diese Sache fallen lassen, was unserer Stimmung auch nicht unbedingt zuträglich ist: Irgendwie ist an diesem Tag der Wurm drin, ich hoffe auf Besserung!

Also wieder im Regen auf der 6 nach Norden Richtung Red Bay.

Dort sind an einem Binnensee mehrere Cottages, leider aber alle belegt. Wieder zurück nach Wiarton. Die Dame an der Tourist- Information nennt uns noch eine Möglichkeit in Oliphant.

Die Cottages dort sind zwar ebenso spartanisch, wie die, an der Hope-Bay, aber etwas geräumiger und kosten nur 60 $/Tag, so daß wir uns dort einmieten. Die  freundliche Vermieterin bringt uns noch Bettwäsche und bezieht die Betten, während wir zum Einkaufen zurück nach Wiarton fahren. Offensichtlich kennen die in dieser Ecke Kanadas noch keine Kredidtkarten, denn wir müssen an der Kasse mit Traveller- Scheck bezahlen.

In einem Liquor- Store erstehen wir eine Flasche Wein und zwei Sixpacks Bier, hier können wir tatsächlich mit Karte zahlen (!!).

Zurück am Cottage machen wir noch einen Abendspaziergang am Ufer des Huronsees entlang, ein Süßwasser- Binnenmeer gigantischen Ausmaßes, einer der größten Seen der Erde.

Die Ufer sind sehr flach und weit hinaus mit rötlich- gelben Binsen bewachsen, dazwischen blaue, verzweigte Enziane (Gentiana procera), eine Saxifraga- art (Parnassia glauca) mit weisser Blüte und rundlichen Grundblättern, sowie eine botanische Besonderheit, eine fleischfressende Pflanze, die ich nicht erwartet hätte, zu finden: Sarracenia purpurea, die ihre violett- netzäderigen kannenartigen Fangblätter an vernässten, etwas kahleren Stellen, aus dem Binsenmeer streckt.

Zurück am Cottage kochen wir uns eine Pasta asciutta und trinken dazu den mitgebrachten Rotwein.

 

Mittwoch, 29.09.99

 

Draußen nieselt es in den Morgen, als wir aufbrechen.

Nach dem Frühstück haben wir diskutiert, ob wir lieber nach Süden, Richtung Kitchener fahren sollen, dort wäre allerdings das altbekannte Farmland gewesen, mein Vorschlag, doch die Küste der Georgian Bay, einer großen Bucht des Lake Huron, zu fahren, wurde daher angenommen.

Also fahren wir über Owen Sound Richtung Collingwood. In Owen Sound kommt uns an einer Kreuzung ein blinkendes und tutendes Feuerwehrauto entgegen, so daß wir uns zunächst verfahren Richtung Cape Rich, dann aber umkehren, bis wir wieder auf der 26 sind.

Bei Meafort wird die Straße trockener, wir fahren offensichtlich vor dem Regenwetter her.

Hier halten wir an einer Telefonzelle, geben Stefan noch durch, was die Kids bis Samstag besorgen sollen.

Meaforts Zentrum besteht aus hohen Backsteinhäusern mit, z.T. viktorianischen und Jugendstilelementen, das Städtchen lebte früher vom Pelzhandel und dem, was die französischen und englischen Trapper über den Geogian Bay mitbrachten, und war so durchaus vermögend, was noch heute zu sehen ist.

Weiter, Richtung Collingwood, schlagen Wellen auf den, aus flachen Felsplatten bestehenden Strand. Rechts von uns erheben sich die Blue Mountains, mit bis zu 600 m ein beliebtes Ski- und Langlaufgebiet, die Straße ist gesäumt von zahlreichen Motels in dieser, touristisch interessanten Gegend. , an den Hängen Holzhäuser am bunten Waldrand im nebeligen Dunst.

In Collingwood kehren wir bei Tim Hortons ein, bevor wir in den Nottawasaga- Bay, mit langen Sandstränden und zahlreichen Badeorten einbiegen. Zwischen Strand und Straße zahlreiche Ferien- und Wohnhäuser im Wald, an einer Stichstraße fahren wir zum Strand.

Der Sand ist sehr fein, dazwischen vereinzelt Dreissena- ähnliche Süßwassermuscheln, die Sicht ist nur gering, leichte Wellen schlagen an das Ufer, wo sich außer uns nur Möven auf den Sandbänken aufhalten.

Weiter im Norden queren wir die Halbinsel, auf dem Weg fotografieren wir noch unglaublich bunte Bäume am Waldrand. Wir passieren die weite Bucht von Pentaguishene, mit zahlreichen Booten am Ufer und fahren wieder nach Südosten nach Midland.

Der gepflegte Ort liegt ebenfalls in einer kleinen Bucht dieses reich gegliederten Süßwasserbinnenmeers. Zahlreiche kleine Ladengeschäfte in Backstein- und Holzhäusern säumen die Straße, an einer Uferpromenade halten wir an der Tourist- Information und fahren dann zum Huron- Museum mit einem nachgebauten Huron- Indianerdorf, wie es ausgesehen hat, vor der Landung der Europäer im 16. Jahrhundert.

Das Ganze ist das Lebenswerk des leidenschaftlichen Archäologen und Indianerkenners Wilfrid Jury (1890 - 1981) und mit großer Sorgfalt und Sachkenntnis errichtet.

Wir nähern und dem Dorf im herbstlichen Nebel. Auf den, bis zu 8m hohen, als Palisadenzaun zusammengebundenen Fichtenstangen sitzen zahlreiche Krähen, vor dem Dorf: Pfähle mit Totemmasken. Wir sind zunächst die einzigen Besucher, so daß wir das Dorf ungestört betrachten können.

Nach dem Eingang: Ein Tabakfeld, daneben ein Langhaus mit rundem Dach, schindelartig gedeckt mit abgeschälter und geglätteter Ahorn- Baumrinde. Darinnen: lange Regale mit Vorratskörben, Totems, an der Decke sind Tabakpflanzen zum Trocknen aufgehängt, an der Seite lehnen hölzerne Spannvorrichtungen mit Tierhäuten. Auch Gästewigwams sind aufgestellt, Trockengestelle für Fische und Fleisch, Vorratshäuser aus Fichtenstangen, eine Schamanenhütte mit Zeichnungen an der Innenwand und einer fellüberzogenen Pritsche auf der Stirnseite, eine indianische „Schwitzhütte“, eine Art Sauna, die rituellen Reinigungszeremonien diente, in der auf heiße Steine Wasser gegossen wurde. Ein Totengestell steht am Zaun, wie es früher außerhalb des Dorfes stand,  auf das die Toten für 2 Wochen gelegt wurden, bis man das, was die Tiere übriggelassen haben, einsammelte und beerdigte, eine Art Himmelsbestattung also, wie man sie heute noch vereinzelt in Tibet vorfindet.

 In einem zweiten Langhaus sind Schlafplätze für die Großfamilien mit Tierfellen belegt.

Das Museum beherbergt zahlreiche Utensilien: Von irdenen Töpfen und Pfeifenköpfen, Steinwerkzeugen, Bekleidung, bis hin zu Kriegerwaffen.

Außerdem sind hier noch zahlreiche Gegenstände der früheren Siedler und neuerer eit zusammengetragen, wie eine „Hundemühle“, ein Zahnröntgenstuhl aus den 20- er Jahren, Kostüme aus der Jahrhundertwende ,ein HP- Computerarbeitsplatz der 70- er Jahre. Fotodokumentationen künden von alten Zeiten.

Rückfahrt im aufkommenden Regen in die Abenddämmerung hinein, Schweinsteaks und Kartoffelsalat als Abendessen.

 

Donnerstag, 30.09.99

 

In der Nacht wache ich auf. Draußen vor dem halb geöffneten Schlafzimmerfenster weht ein heftiger, warmer Wind, am nächtlichen Himmel ziehen, unsichtbar, Scharen von Wildgänsen Richtung Süden, ihre Schreie verebben  langsam in Nacht und Herbststurm.

Am Morgen fahren wir dann den Strand des Huronsees entlang. Ganz in der Nähe unserer Stelle mit der Sarracenia ein Lehrpfad, der auf Holzplanken über diese weite, ebene Fläche, mit etwa 5 cm tiefem Wasser, führt.

Diese, in mehr oder weniger offener Verbindung mit dem See stehenden, binsenbewachsenen Flächen nennen sich Fend. Ihr Charakteristikum ist Kalk- und Magnesiumreichtum, pH-Werte um 7 -8, aber Nitratarmut und stellen einzigartige amphibische Habitate dar, mit eigener Flora und Fauna. Überall die fleischfressenden Sarracenien, auch besondere Orchideen gedeihen hier.

Im Gegensatz hierzu stehen die Boxes: saure Waldgebiete mit Kanadacedern und Fichten bewachsen, die, z.B. durch Tätigkeit von Bibern, aufgestaut werden, so dass die Bäume größtenteils absterben und sich kleine, saure Torfmoore bilden, ebenfalls besondere Habitate, die hier überall zu sehen sind.

Auf kleinen, teilweise geschotterten Nebenstraßen fahren wir weiter, die Westküste der Bruce- Peninsula entlang. Überall im Uferwald stehen kleine Feriendomizile, die oft nur ein, an der Straße aufgestellter Postkasten und ein, ins Dickicht führender Schotterweg verrät.

An kleinen Stichstraßen kommt man auch zum Strand.

Die Küste ist hier meist felsig, die Felsenplatten, über die wir laufen sind löcherig ausgewaschen. Am Ufer weht ein warmer, steifer Wind vom Huronsee her, die Wolken jagen über den Himmel, rasch wechseln Sonne und rasende Schatten., weiße Schaumkronen tanzen auf dem türkisgrünen Wasser, was sich bis zum Horizont erstreckt, nur eine Geschmacksprobe und am Ufer angeschwemmte Laichkrautpflanzen und Flusskrebsreste zeigen an, dass es sich nicht um ein Meer, sondern um einen Binnensee handelt.

Die Nordspitze der Halbinsel ist ein Naturpark. Allein 41 Orchideenarten, häufig: gelber und roter Frauenschuh, gedeihen hier.

An einem weitläufigen Sandstrand, den „Singing Sands“ halten wir an einem weiteren Naturlehrpfad, der uns durch einen küstenbegleitenden Cedernwald führt, dazwischen Red- Pines und Jack`s Pines, mit kürzeren Nadeln und geschlossenen, an die Zweige angeschmiegten Zapfen. Im Unterholz Zwergwacholder, der hier flächendeckend wie Heidekraut wächst, dazwischen Preisselbeersträucher und weißgraue Strauchflechten und immer wieder abgeblühte Orchideen.

Auch die spärlich bewachsenen, löcherigen Felsenplatten mit ihren kleinen, erdigen, bei Regen nassen Spalten und Kuhlen stellen äußerst seltene Extremhabitate mit angepasster Flora dar.

Eine kleine,  ebenfalls seltene, nicht sehr giftige Eastern Massakanga- Klapperschlange geht hier auf Mäusejagd, was sie auch im Dunkeln kann, da sie ein wärmeempfindliches Grubenorgan in Augennähe hat.

Tobermory , ein kleines, verträumtes Hafenstädtchen am Ende der Halbinsel ist Endpunkt unseres Ausflugs. Im kleinen Hafen dümpeln blauweiß gestrichene Fischerboote, hier geht die Fähre nach Sudbury am Nordostufer des Sees.

Wir laufen ein bisschen herum, am erhöhten Ufer kleine Geschäfte, Restaurants und Cafe`s, eine Kunstgalerie lädt zum Besuch ein. Schöne Keramiken mit ausgesuchten Glasuren an den Wänden und in den Regalen, insbesonders die metallisch- farbigen Raku- Glasuren eines kanadischen Töpfers finden unsere Aufmerksamkeit.

Auch interessante Bilder sind zu sehen,  besonders erwähnenswert: Aus flächig aufgeklebter Birkenrinde gestaltete Materialbilder eines Künstlers mit eigentümlicher Ausstrahlung.

Im Coffe- Shop des Orten trinken wir ein Tässchen Kaffee und essen dazu Gebäck, bevor wir heimfahren. Inzwischen ist eine Wolkenfront herangeweht, es beginnt leicht zu regnen, was sich aber auf der Heimfahrt rasch wieder ändert.

In Oliphant in unserem Cottage kochen wir Hähnchen mit Karotten- Erbsen- Maisgemüse, anschließend laufe ich noch mit Günter zum Seeufer, um den prachtvollen Sternhimmel über uns zu betrachten: Der Andromeda- Nebel ist mit bloßen Augen zu sehen! Der starke Wind lässt die Strassenbeleuchtungen schaukeln.

 

Freitag, 01.10. /Samstag, 02.10.99

Letzter Tag in Kanada! Wir verlassen gegen 10.00 unsere Hütte und werfen den Schlüssel bei unserer Vermieterin ein, die nicht zuhause ist.

Über Owen Sound. Am Nottawasaga- Bay entlang fahren wir oberhalb Collingwood in die Blue Mountains. Am Friedhof von Collingwood stehen prächtig leuchtende Ahornbäume als Solitärbäume, die wir fotografieren. Das Wetter ist ähnlich, wie gestern.

Weiter auf der 24 , am Devils Glen Provincial Park vorbei, ein kleines Flüsschen entlang.

Als wollte uns der Indian Summer noch einmal mit seiner schönsten Seite verabschieden, sind die Wälder des Tales, durch das wir fahren, atemberaubend bunt gefärbt, wir fotografieren wie die Wilden, ein schönes Bild wechselt mit noch einem schöneren Anblick.

Weiter auf, teilweise geschotterten Nebenstraßen zur 9, bis Bolton. Ein letztes Mal kehren wir in diesem weitläufigen Vorstädtchen von Toronto bei Tim Hortons ein, mit Honey Crullern und anderen süssen Köstlichkeiten. Weiter, über Nashville nach Kleinburg, wo wir ja schon anfangs waren, als wir in Toronto verweilten.

Die Mc Michael Collection hat jetzt, um 16.00 Uhr noch geöffnet, Parkgebühr brauchen wir keine mehr zu zahlen: Die freundliche Dame am Parkschalterhäuschen winkt und verschwörerisch durch und mein, sie schliesse eh in 3 Minuten.

Die Collection erweist sich als eine grossartige Sammlung von Inuit- Kunst, verbunden mit Erläuterungen zur Lebensweise des Inuit- Volkes. Ich bin ausserordentlich beeindruckt von der Ausdrucksweise und dem künstlerisch hochstehenden Niveau der Arbeiten, insbesonders der Steinplastiken.

Der Himmel hat sich zugezogen, als wir das Gebäude verlassen. Wir holen unsere Brotzeit aus dem Auto: Hähnchenteile vom Vorabend und hartgekochte Eier und Fallobst, das wir gestern auf einem verwilderten Grundstück an einem See auf dem Weg nach Tobermory gefunden haben.

Den Flughafen in Toronto finden wir relativ rasch, als wir aber an einer Baustelle unmittelbar vor unserem Gate an eine Baustelle geraten, folge ich entgegen besseren Wissens den Ratschlägen der Scheers auf der Rückbank, gerate auf einen 8- spurigen Highway und heftig ins Fluchen! Rasch entfernen wir uns wieder vom Flughafen, die Abfahrt zum Wenden führt ebenfalls wieder auf eine 6-spurige Autobahn, als ich dort herunterfahre und nach meiner (richtigen) Orientierung wieder zurückfahren will, protestiert  Günter wieder heftig, der hinten in seine Karte vertieft war. Also fahre ich, wie Günter meint, der Flughafen entfernt sich weiter und liegt mittlerweile schon kilometerweit hinter uns.

Schließlich reißt mir der Geduldsfaden, ich wende erneut (Scheers schweigen mittlerweile), nach wenigen hundert Metern sind wir wieder in der richtigen Richtung und folgen den Hinweisen. Allerdings ist der Verkehr höllisch, bis wir endlich im Flughafen in der Box der Firma Hertz stehen. Ein freundlicher dunkelhäutiger Inder nimmt das Fahrzeug entgegen, ein ebenfalls freundlicher Chinese fährt uns zum richtigen Gate.

Beim Einchecken droht neuer Ärger: wir haben 35 kg Übergewicht und müssen 150 $ nachzahlen. Ich nehme es sportlich locker, weil ja nicht zu ändern, dafür ist Gabi sauer!

Naja, um 20.45 hebt schließlich die Tristar ab. Die alte Maschine mit 300 Sitzplätzen ist eng, wie eine Sardinenbüchse.

Zwischenlandung in Montreal, dann noch 6 ½ Stunden bis Frankfurt. Ich döse ab und zu ein bißchen ein, gegen 1 Uhr weckt (!) das Bordpersonal die Passagiere, die schlafen, um das Abend (!)- essen nach Schema F zu servieren.

Über Irland dämmert rotgelb über den Wolken am Horizont der Morgen heran.

Frankfurt liegt in Wolken, als wir landen, nur wenige Lücken lassen Sonne herunter.

Der Frankfurter Flughafen ist organisiertes Chaos: Erst warten wir eine halbe Stunde auf dem Rollfeld, da unser Gate besetzt ist, dann wird unser Gepäck beim Baggage - Claim an zwei verschiedenen Rollfeldern ausgeladen, so daß wir hin- und herschießen. Als wir endlich durch den Zoll sind, haben wir gerade noch 10 Minuten bis unser Zug geht. Im Laufschritt rennen wir mit unseren Gepäckwägen durch die Flure, Rolltreppen hinauf, bis wir schließlich abgekämpft und schwitzend am Bahnsteig ankommen, 2 Minuten, bevor unser Zug um 14.03 Uhr einfährt.

Über Aschaffenburg und Würzburg 2 Stunden Fahrt bis Nürnberg, wo wir uns von Scheers verabschieden, die von Jan abgeholt werden. Um 17.30 Uhr rollt unser Zug schließlich am Regensburger Hauptbahnhof ein, wo Johannes schon auf uns wartet.

Zuhause umarmen wir Stephan und Tobias und fahren zu Gasthof Stang nach Bergstetten zum Abendessen. Am westlichen Horizont geht gerade die Sonne an einem blauen Streifen, davor eine geschlossene Wolkendecke, unter, und taucht die Landschaft in eigenartig goldenes Licht. Die Kinder und wir haben viel zu erzählen, bei Champignonrahmschnitzel und Käseschnitzel mit Pommes und Salat.

Zuhause wieder angekommen, setzen wir uns noch auf ein Bierchen zusammen und verteilen die mitgebrachten Jeans und Pullover.

Bevor wir ins Bett gehen, sortieren wir noch unsere Betten um und stellen überall Mausefallen auf, da die Mäuse offensichtlich über irgendeinen Weg sich in unser Haus und unser Schlafzimmer genagt haben.

 

 
Copyright©2004 Wolfgang Müller/Nittendorf